Coronavirus

Finanzen

KSV 1870

10.09.2020

Und jetzt? Wie geht’s nach der Krise weiter?

Covid-19 hat in Österreichs Wirtschaft enorme Spuren hinterlassen. Was jetzt zu tun ist, um für die Zukunft gewappnet zu sein, warum hoffentlich kein neuer Normalzustand eintritt und wie man seine „Überraschungsfitness“ trainiert, erklären Ricardo-José Vybiral, CEO der KSV1870 Holding AG, und Zukunftsforscher Franz Kühmayer im Gespräch.

Zeit für eine erste Bilanz: Wie ist Österreich durch die Corona-Krise gekommen?

Franz Kühmayer:“ Tapfer! Denn je länger der Ausnahmezustand anhält, umso eher wird die Frage, wie es danach weitergeht, abgelöst durch: ob es danach weitergeht. Und da müssen wir als Wirtschaftswissenschaftler und Trendforscher ganz ehrlich antworten: Wir können keine abschließende Erzählung der Zukunft nach Corona geben. Das konnten wir in Wahrheit übrigens ohnehin noch nie – aber das verleiht uns auch Spielraum. Viel spannender ist die Frage: Entsteht jetzt gerade nicht etwas ganz Neues? Schon jetzt merken wir: Wenn die Organisation des Dringendsten abgeschlossen ist, stellen sich Menschen zunehmend auch grundlegende Fragen. In den Antworten darauf kann der Geist des Neuen entstehen, neue Vorstellungen vom Morgen, neue Business-Ideen, neue Werte, eine neue Gesellschaft. Das Corona-Virus ist ein Evolutionsbeschleuniger.“

Ricardo-José Vybiral: „Es ist in dieser Situation ein enormer Vorteil, dass Österreichs Wirtschaft in den vergangenen Jahren insgesamt gut gewirtschaftet hat. Im Schnitt konnten die Betriebe ihre Eigenkapitalquote zwischen 2015 und 2018 pro Jahr um 2 % erhöhen. Trotzdem hat sich die zu Jahresbeginn positive Geschäftslage innerhalb kürzester Zeit dramatisch verschlechtert – was bei all den massiven, aber notwendigen Einschnitten nachvollziehbar ist. So haben in einer KSV1870 Blitzumfrage im Juni 94 % der Befragten bestätigt, dass sie mit den wirtschaftlichen Folgen von Covid-19 zu kämpfen haben. Dadurch kann auch nur etwas mehr als ein Zehntel der ursprünglich für 2020 geplanten Investitionen in vollem Umfang umgesetzt werden. Das ist wenig erfreulich. Ich bin aber überzeugt, dass es uns noch weitaus schlimmer erwischen hätte können. Ein Blick in die Nachbarländer genügt.“

Es wird auch eine Zeit nach Covid-19 geben. In welche Richtung geht es für die heimische Wirtschaft?

Vybiral: „Das hängt davon ab, welche Lehren jeder für sich aus der Krise zieht. Daher sollten wir die aktuelle Phase nutzen, um zu reflektieren: In welche Richtung möchte ich das eigene Unternehmen entwickeln? Was ist mir wichtig, welche Schwerpunkte setze ich, und welche Ziele möchte ich wann erreichen? Dafür ist spätestens jetzt der Moment der Wahrheit gekommen. Und das ist vor allem eine Managementaufgabe.“

Kühmayer: „Hoffentlich geht es nicht zurück zu einem neuen „Normalzustand“, von dem jetzt so viel gesprochen wird. Denn auch wenn es sich aus der Krisenlage heraus vielleicht so anfühlt, normal war das davor auch nicht. Es gab und gibt nach wie vor dringenden Handlungsbedarf in einer Vielzahl von Themen: Digitalisierung, Klimawandel, Migration. Die Corona-Krise hat uns als Gesellschaft an die Grenzen der Leistungsfähigkeit geführt. Und eröffnet damit auch neue Chancen, anderen Herausforderungen klüger zu begegnen.“

Worauf sollten die Unternehmen aber auch der öffentliche Sektor ihren Fokus legen?

Vybiral: „Neben den sich aktuell verändernden Rahmen- und auch Arbeitsbedingungen wird die Digitalisierung weiterhin ein zentraler Aspekt sein – das bestätigen auch aktuelle Zahlen unseres Austrian Business QuickChecks. Interne Prozesse und Services müssen noch schneller implementiert werden, weil sich auch die Kundenbedürfnisse weiter in Richtung Echtzeit verändern. Und da stimmt es mich sehr nachdenklich, dass derzeit noch jedes zweite Unternehmen in Österreich keine Digitalisierungs-Agenda hat oder zumindest geplant hat – das ist ein alarmierendes Zeichen. Denn am Ende des Tages wird der Wirtschaftsstandort vor allem daran gemessen werden, wie rasch er sich von dieser Krise erholt hat – und dafür müssen wir jetzt die Ärmel hochkrempeln.“

Kühmayer: „Aktuell gibt es ja das Gefühl, dass wir in Österreich durch frühe und vor allem sehr konsequente Maßnahmen die gesundheitliche Krise besser gemeistert haben als viele andere Staaten. Meine Hoffnung ist: Durch ebenso rasches und entschlossenes Handeln werden wir auch die wirtschaftlichen Folgen besser meistern und zu einem internationalen Referenzpunkt werden. Hier in Österreich entstand sie, die neue Welt der Arbeit, der nachhaltigen, verantwortungsvollen Wirtschaft. Hier wurden harte Schnitte gesetzt, um neues Wachstum zu ermöglichen – und zwar ökologisch und ökonomisch verantwortungsvoll. Österreich als Inspiration für andere.“

Wer wird nach Covid-19 zu den Siegern zählen?

Kühmayer: „Corona ist die schwerste Krise der Nachkriegszeit: die höchsten Arbeitslosenzahlen, die tiefsten Eingriffe ins Privat- und Berufsleben, in die Wirtschaft und in die Demokratie. All das einigermaßen unbeschadet zu überstehen ist schon eine Leistung. Wenn es zusätzlich noch gelungen ist, die Krise als Entwicklungschance zu nutzen, dann ist das die Krönung.“

Vybiral: „Das werden vor allem die Aktiven, die Mutigen und die Innovativen sein – davon bin ich felsenfest überzeugt. Sich jetzt zurückzuziehen und zu hoffen, dass die Krise an einem möglichst spurlos vorübergeht und ich mit einem blauen Auge davonkomme, wird wohl nicht ausreichen. Und ich bin mir sicher, dass „Sieg oder Niederlage“ am Ende relativ wenig von Branchen oder Regionen abhängen werden, sondern vielmehr davon, wer sich jetzt traut, Neues auszuprobieren, und bereit ist, notwendige Adaptierungen rasch umzusetzen.“

Das Thema Homeoffice ist derzeit in aller Munde. Welche Rolle wird mobiles Arbeiten in Zukunft spielen?

Vybiral: „Wir alle sehen gerade jetzt, welche Leistungen im Homeoffice möglich sind. Parallel dazu wird allerdings auch in Zukunft eine gewisse Präsenz im Büro notwendig sein, um die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf persönlicher Ebene zu erreichen – aber wir sprechen mit Sicherheit von einer geringeren Quantität als bisher. Denn gerade in Zeiten der stetig voranschreitenden Technologisierung wird auch weiterhin das persönliche Gespräch unentbehrlich sein. Zudem ist der Arbeitsplatz für viele aus sozialer Sicht weit mehr als Schreibtisch und Rollcontainer – er ist ein Ort der Begegnung. Gerade in Zeiten des „Social Distancing“ lernen die Menschen das Persönliche deutlich mehr zu schätzen. Es braucht daher eine gesunde Mischung, bei der das Thema der Raumnutzung und -gestaltung ganz wesentlich sein wird. Denn am Ende des Tages müssen die Arbeitsbedingungen auch zu den Visionen und Zielen des Unternehmens passen.“

Kühmayer: „Eines ist mittlerweile wohl allen klar geworden: Wir werden nie mehr zurück zur Routine der Anwesenheitspflicht gehen. Wir haben gelernt, neu zu arbeiten. Die blitzartig erzwungene Homeoffice-Phase war ein Prüfstand für neue Arbeitsmodelle. Haben wir die notwendige technische Ausstattung, verfügen wir über ausreichend Kenntnisse, die Tools auch zielführend einzusetzen, und vor allem: Haben wir eine Unternehmenskultur, die Führen auf Distanz, Vertrauen und Selbstorganisation ermöglicht? Wir haben gesehen, wie steil die Lernkurve war. Die Spontantransformation hat aber auch sehr deutlich gemacht, was wir am Büro vermissen und was nicht. All das wird künftig zu weiteren Entwicklungsmaßnahmen führen müssen.“

Worauf müssen sich Arbeitgeber wie auch Arbeitnehmer in Zukunft einstellen?

Kühmayer: „Auf Corona wird nicht Friede, Freude, Eierkuchen folgen, und die aktuelle Krise wird auch nicht die letzte Krise in unserem Leben bleiben. Wir sind daher gut beraten, Corona nicht als eine einmalig auftretende Anomalie des Business-Lebens zu betrachten. Die Konsequenz daraus ist, vor allem unsere Fähigkeit zur Bewältigung der Dynamik der Welt zu stärken. In der Forschung nennen wir das Resilienz, man könnte auch Überraschungsfitness sagen. Es geht darum, möglichst nicht aus der Spur geworfen zu werden, wenn sich Unplanbares einstellt – oder die neue Spur gut nutzen zu können.“

– I.WEIPPL (Quelle: KSV, Entgeltliche Einschaltung)

© Copyright - Kommunalnet