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22.04.2021

Wieder mehr Leben in die Gemeindezentren

Es sind immer mehr Gemeinden und Kleinstädte, die kein Zentrum mehr haben. Das Leben findet am Rand statt, in peripheren Eigenheimsiedlungen, in Einkaufs- und Gewerbezentren auf der grünen Wiese und umgeben von abgeschotteten Bürowelten.

Es wird seit Jahrzehnten woanders gearbeitet als gewohnt, eingekauft wird woanders als die Freizeit verbracht. Aufrechterhalten wird diese Lebensform mit einem hohen Mobilitätsaufwand. Ein wesentlicher Faktor dafür ist die gestiegene Automobilisierung der vergangenen Jahrzehnte, durch die sich viele vitale Funktionen an die Ränder der Orte verlagert haben und diese Nutzungstrennung forciert wurde. Pendeln ist zur absoluten Normalität geworden und öffentliche Begegnungsräume haben an Bedeutung verloren.

Die totale Ausrichtung der räumlichen Entwicklung auf das Automobil brachte Konsequenzen mit sich, die noch viele Jahrzehnte lang ausgebadet werden müssen. Man nennt diese Entwicklung auch Donut-Effekt. Die Mitte ist leer geworden, rundherum hat sich ein immer dicker werdender, unförmiger Ring an Nutzungen angesammelt. Der Donut-Effekt macht die Gemeinden kaputt. Er entzieht den Orten ihren Boden und ihre Identität und macht sie für kommende Generationen unattraktiv.

Die Debatte darüber und über den sparsamen und intelligenten Umgang mit Grund und Boden hat in den vergangenen Jahren viel Fahrt aufgenommen.

Die Corona-Pandemie, so verheerend sie für das soziale Leben und die Wirtschaft auch ist, hat eine Tür aufgestoßen, durch die wir jetzt durchgehen müssen.

Das süße Leben muss wieder in die Ortsmitte

Um dem weiteren Verstummen der Stadt- und Dorfzentren etwas entgegenzustellen, braucht es mutige Akteur/innen aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft, die bereit sind, Neues zu denken, zu realisieren und die Corona-­Krise als enorme Chance zu sehen. Denn die Transformation der Zentren spielt eine Hauptrolle auf dem Weg zu zukunftsfähigen Orten. Und leer stehende Gebäude, aufgelassene öffentliche Bauten, verlassene Fabriken und Höfe sind Teil der Realität. Dieser nicht mehr genutzte Raum birgt ein enormes Entwicklungspotenzial und Chancen für die Kommunen.

Gerade im Bewusstsein des Klimawandels sind diese vorhandenen Ressourcen ein bedeutendes Versprechen für die Rückkehr zu einem intakten Sozialraum für die Menschen, insbesondere im ländlichen Raum. Wie kann das eingelöst werden?

Wir brauchen einen Krapfen-Effekt

Die Metapher vom Donut aufgreifend, stellt sich die Frage, wie die verödeten Mitten wieder mit Leben gefüllt werden können, wie sie wieder zum Krapfen mit gehaltvoller Füllung werden. Wir müssen akzeptieren, dass klassische Nutzungen wie der Handel in seiner ursprünglichen Form nicht mehr in den Kern der Dörfer und Städte zurückzuholen sind. Die leeren Hüllen brauchen experimentelle Ideen für ein gehaltvolles Inneres, die das Leben wieder attraktiv machen.

In einem sich gegenseitig stützenden Netzwerk sind die dafür zentralen Aspekte auszugestalten: vielfältige Wohnformen, gemeinschaftliche Treffpunkte für den sozialen Zusammenhalt, Nahversorgung mit Gütern und Kultur, vernetzte und flexibel nutzbare Mobilitätsformen und wirtschaftliche Strukturen, die regionale und innovative Impulse setzen. Durch das immer besser werdende Breitband entstehen zusätzlich neue Arbeitsmöglichkeiten. War etwa Co-Working bis vor wenigen Jahren den großen urbanen Zentren vorbehalten, sind auch am Land immer mehr Selbstständige und Kreativschaffende in einem Gemeinschaftsbüro aktiv.

Im besten Fall – und ganz im Sinne der Co-Working-Pioniere – arbeiten sie in Co-Creation projektbezogen auch zusammen. Dadurch konnten in einigen Gemeinden und Kleinstädten nicht nur zahlreiche Leerstände wieder mit neuem Leben gefüllt werden, sondern auch qualifizierte Arbeitsplätze in der Region gehalten oder sogar geschaffen werden.

Die Lockdown-Arbeitserfahrungen als neue Chance für die Ortsmitten

Die Corona-Pandemie hat uns in Sachen Digitalisierung einen Crashkurs verpasst und vieles, was bis vor Kurzem undenkbar schien, ist nun Realität geworden. Breitband-Internet war in den vergangenen Monaten in vielen Orten die Lebensader, das Tor zum Arbeitgeber und zur Welt. Das Arbeiten im Homeoffice hat sich etabliert und ist – wie Co-Working – in der Gesellschaft als neue Normalität angekommen.

Die intensive Diskussion über die gesetzlichen Rahmenbedingungen und die damit verbundene finanzielle Abgeltung für den Arbeitsplatz zu Hause zeigt, dass diese Form des Arbeitens auch nach dem Corona-Ausnahmezustand in vielen Teilen des Wirtschaftslebens erhalten bleiben wird. Dies könnte zu einem Problem werden: Aus einer kurzfristigen Lösung zur Überbrückung wird ein Dauerzustand, der räumlich in den eigenen vier Wänden oftmals nur schlecht umsetzbar ist. Der Küchentisch, das Kinderzimmer oder Kellerräume werden zum temporären Büro, das kaum den Anforderungen an einen ordentlichen Arbeitsplatz entspricht. Darüber hinaus müssen viele alleine arbeiten und verlieren dadurch einen großen Teil ihrer täglichen sozialen Kontakte.

Wir haben in der Krise miterlebt, wie lebenswichtig diese Kontakte sind – virtuelle Kontakte können die analoge Beziehung nur teilweise ersetzen. Ohne soziales Miteinander ist ein Leben für uns Menschen nicht möglich. Deshalb ist es wichtig, dass wir für die Zeit nach Corona eine neue Qualität des Miteinanders und alternative Möglichkeiten des Dialogs und Austausches aufbauen.

Public Home Office: Impuls für ländlichen Raum und Klimaschutz

Eine Entwicklung, die an dieser Stelle Abhilfe schaffen kann, sind Public Home Offices:

Aufbauend auf dem Konzept der Co-Working-Spaces können Personen, die üblicherweise an jedem Arbeitstag ins Büro am Unternehmensstandort fahren, Co-Working-­Räume in der Nähe des eigenen Wohnorts nutzen, um in einem geteilten Homeoffice zu arbeiten. Eine professionelle Infrastruktur, die konzentriertes Arbeiten ermöglicht, sowie der Austausch untereinander bilden attraktive Alternativen zum Büroalltag in den eigenen vier Wänden – und das, ohne zu pendeln.

So kommt es wieder zu einer stärkeren Bindung an den eigenen Ort: Wer in seinem Dorf ein Public Home Office nutzt, stärkt die dortigen Nahversorger sowie die Gastronomie und trägt so dazu bei, die Ortskerne wieder zu beleben. Die Wertschöpfung bleibt im Ort. Aus reinen Wohn- und Schlafgemeinden auf dem Land, wo sich die Pendlerkolonnen in der Früh in die eine und am Abend in die andere Richtung bewegen, können wieder echte Lebensmittelpunkte werden.

Zeitersparnis bringt Lebensqualität

Auch die Unternehmen können von der Finanzierung der Tischmiete profitieren: Die Investition in diese neue Form des dezentralen Arbeitens – und damit in zufriedenere Mitarbeiter/innen – kann durch Einsparungen beim Büroraum in den Unternehmenszentralen ausgeglichen werden. Nicht mehr täglich in die Ballungsräume hineinstauen zu müssen, führt nicht nur zu mehr sinnvoll nutzbarer Zeit und Lebensqualität für Einzelne, sondern auch zu weniger CO2 in unserer Atmosphäre und zu mehr körperlicher Fitness für jeden Einzelnen, weil im Idealfall der Weg ins öffentliche Büro am Dorfplatz mit dem Fahrrad oder zu Fuß zurückgelegt werden kann.

Mit dem Public Home Office können also einerseits Unternehmen einen Beitrag zur Klimaschonung leisten und sich eine Vorreiterrolle als innovative wie attraktive Arbeitgeber sichern. Andererseits gibt es ein gesamtgesellschaftliches Interesse an einem zukunftsfähigen ländlichen Raum sowie an neuen wirkungsvollen Maßnahmen zur Dekarbonisierung unseres Alltagslebens: genug Motivationen auch für die öffentliche Hand, die Errichtung von Public Home Offices zu unterstützen oder sogar zum Gegenstand eines Förderprogramms zu machen.

Ideen für Projekte

Ein Blick in die Zukunft zeigt, was der Richtungswechsel alles leisten und wie er der Monofunktion den Kampf ansagen könnte:

  • Das Wirtshaus ist nicht nur Schank- und Gastraum, sondern bietet auch Raum für Seminare und Möglichkeiten für temporäres Wohnen, die Poststelle, einen Genussladen mit biologischen Köstlichkeiten der Region und ein Home-Styling-Studio.
  • Die ehemalige Handelsstraße wird zum öffentlichen Wohnzimmer und ein Ort für Spezialisten aller Art, von Handwerk und Dienstleistung bis zur IT, bei denen die Musikschule die erste Geige in der Begegnungszone spielt.
  • Die Schulen vernetzen sich als Bildungscampus mit Mensa, der an 360 Tagen im Jahr eine Reparaturwerkstatt und täglich frisch gekochtes Essen bietet.
  • Die leer stehende Bäckerei in der Ortsmitte wird zum Labor für Handel, Co-Creation sowie Kultur und beherbergt zusätzlich einen Käsekeller mit Verkostungs- und Workshopraum.
  • Das große leer stehende Haus aus den 1920er-Jahren am Dorfplatz mit Atrium wurde von einer Gruppe engagierter Menschen erworben und für gemeinschaftliches Wohnen adaptiert: eine Wohnform, die immer beliebter wird und Teilen statt Besitzen in den Mittelpunkt stellt.
  • Der leer stehende Discounter unmittelbar daneben beheimatet das neue Public Home Office, in dem auch Co-Workation möglich ist, also auch Urlauber/innen Arbeitsplätze vorfinden.

Diese Veränderung wird nur dann möglich sein, wenn die Bürger/innen ebenso wie kreative Gestalter/innen der Region in den Transformationsprozess involviert werden. Bei den handelnden Akteur/innen muss ein Verständnis für den Wandel geschaffen werden. Statt Papieren und Konzepten für die Schublade braucht es Mut zum Ausprobieren.

Die erfolgreichen Unternehmen aus dem Silicon Valley machen es uns vor. Sie warten nicht, bis eine Idee zu einem Produkt fertig ausgereift ist, sondern starten öffentlich mit der Beta-Version, lernen täglich durch die Nutzer/innen dazu und verbessern laufend ihr Programm. Machen wir das einfach nach und schaffen im Jahr 2021 in allen der 2095 Gemeinden in Österreich ein Public Home Office in der Orts- und Stadtmitte. So gewinnt das Leben in unseren Orten abseits der Ballungszentren wieder an Qualität, die durch gelebte Gemeinschaft, bunte Nutzungen, lebendige Urbanität, kurze Wege und natürlich durch schöne Räume geprägt ist.

Pendeln ade, gemeinsam arbeiten, juhe!

-R. GRUBER

Über den Autor

Roland Gruber studierte Architektur und Kulturmanagement und ist Gründer, Gesellschafter und Geschäftsführer von nonconform. Der Schwerpunkt liegt in der partizipativen Raumentwicklung für Kommunen, Schulen und Unternehmen.

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