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Bundesländer

03.04.2024

Wenn ein kritischer Journalist in der Leitung ist

Guten Tag, mein Name ist Michael Nikbakhsh. Ich hätte da einige Fragen.“

Wenn der renommierte Investigativjournalist am anderen Ende der Leitung ist, bedeutet das in aller Regel Ärger. Der 53-Jährige war viele Jahre lang Chefaufdecker des Nachrichtenmagazins „profil“, inzwischen hat er sich selbstständig gemacht und arbeitet für unterschiedliche Zeitungen.

Seit einiger Zeit produziert er den Podcast Die Dunkelkammer“ der sich in erster Linie mit Machtmissbrauch beschäftigt – und den Umgang damit. Seine Sendung gehört inzwischen zu den populärsten des Landes.

Korruption hat keine Farbe

Auch deshalb, weil Nikbakhsh niemanden schont. „Korruption hat keine Farbe“, sagt er. Wenn er über hinterfragenswerte Praktiken der Macht berichtet, interessiert er sich nicht dafür, welcher Partei die Machthaberinnen und Machthaber angehören. Ob sie ihm persönlich sympathisch oder unsympathisch sind. Er recherchiert, wenn ihm etwas spanisch vorkommt. Das muss noch nichts heißen.

Oft kommt es vor, dass sich scheinbare Unregelmäßigkeiten bei einem Beschaffungsvorgang rasch aufklären lassen. Dann ist die Sache für ihn erledigt. Aber manchmal hat er nach einem Gespräch noch mehr Fragen. Und dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass seine Recherchen zu einem großen und höchstwahrscheinlich sehr unangenehmen Artikel führen.

Es muss nicht immer strafbar sein

Und zwar auch dann, wenn die Unregelmäßigkeiten gar nicht gegen das Gesetz verstoßen.„Das Strafrecht ist nicht die einzige Norm des politischen Handelns“, sagt er. „Es gibt auch eine moralische Ebene.“ Wenn etwa bei größeren Aufträgen in der Gemeinde bestimmte Unternehmen mit einem Naheverhältnis zu Bürgermeister oder Bürgermeisterin auffällig oft zum Zug kommen.

Dann ist oft von „schiefer Optik“ die Rede oder davon, dass ein Geschäft komisch riecht. Nikbakhsh spricht aus Erfahrung: Gerade alte Hasen der Kommunalpolitik sollten sich nach mehreren Perioden im Amt gegen eine gewisse Abgehobenheit wappnen. „Die schiefe Optik hat schon zahlreiche Karrieren abrupt beendet.“ Spätestens mit der nächsten Wahl.

Aber wie arbeitet ein Investigativjournalist? Wie kommt Nikbakhsh an seine Storys? Es gebe, meint er, Kolleginnen und Kollegen, die sich öffentliche Vergabeprozesse systematisch ansehen, um nach möglichen Unregelmäßigkeiten zu suchen. Das sei aber eher die Ausnahme. In der Regel liegt das Augenmerk auf besonders großen Projekten. Viel häufiger käme es vor, dass sich jemand aus der Gemeinde an ihn wende – oft auch anonym.

Er weiß meist mehr, als er sagt

Dank jahrzehntelanger Erfahrung hat Nikbakhsh meist ein ganz gutes Gespür dafür, ob es sich dabei um eine bloße Anpatzaktion handelt. Oder ob es sich lohnt, den Vorwürfen auf den Grund zu gehen. Und dann ruft er nicht sofort den Bürgermeister oder die Bürgermeisterin an. Erst nimmt er Kontakt auf zu Bürgerinitiativen oder zur Opposition, wühlt sich durch Gemeinderatsprotokolle, telefoniert mit Kontaktpersonen auf höheren Ebenen. Wenn er sich schließlich an das Gemeindeoberhaupt wendet, weiß er meist mehr, als er preisgibt. Aufdeckerjournalisten lassen sich ungern in die Karten blicken.

Verschwiegenheit ist verdächtig

Wann wird er besonders stutzig? „Wenn als Erstes der Hinweis auf das Amtsgeheimnis kommt“, sagt Nikbakhsh. Keine Frage: Gewisse Informationen sind einfach nicht für die Öffentlichkeit bestimmt – etwa aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes. „Die Amtsverschwiegenheit wird in Österreich gerne als Totschlagargument verwendet“, sagt er. „Aber fehlende Transparenz macht mich erst recht neugierig.“

Was viele nicht wissen: Journalistinnen und Journalisten können auch in Österreich die Herausgabe gewisser Informationen erzwingen. Was geheim bleiben muss und was nicht, entscheiden in letzter Instanz die Gerichte – nicht die örtlichen Behörden. Auch wüste Beschimpfungen oder Drohungen verstärken bei Nikbakhsh nur den Verdacht, dass hier irgendetwas nicht mit rechten Dingen zugeht.

Offen auf Fragen antworten

Umgekehrt heißt das: Je offener und aufrichtiger Sie auf die Fragen Ihres journalistischen Gegenübers eingehen, desto eher lassen sich Verdachtsmomente entkräften. Bleiben Sie immer bei der Wahrheit. Manchmal wird die ehrliche Antwort lauten: „Ich weiß es nicht, aber ich kann mich kundig machen und Ihre Fragen zu einem späteren Zeitpunkt beantworten.“

Dagegen spricht nichts: Sie sind nicht verpflichtet, einem Journalisten oder einer Journalistin sofort Auskunft zu geben. Wenn Sie diese aber dauerhaft verwehren, kann der Artikel erscheinen, ohne dass Sie Ihren Standpunkt darlegen konnten. Laut Medienrecht muss Ihnen die Möglichkeit eingeräumt werden, im Raum stehende Vorwürfe zu entkräften. Davon sollten Sie auf jeden Fall Gebrauch machen – auch um Missverständnisse zu vermeiden.

Oft sind die Fragen berechtigt

Nicht nur einmal waren Amtsträgerinnen und Amtsträger mit Vorwürfen konfrontiert, die sich am Ende beinahe in Luft auflösten, weil sie sich nichts zuschulden kommen ließen. Aber sie haben den Fehler gemacht, eine potenzielle Gefahr zu unterschätzen. Oder sie haben aus Angst vor dem Vorwurf einer etwas schlechten Optik gemauert und möglicherweise sogar geflunkert. Nicht erst einmal kam es vor, dass nicht eine Affäre zum Rücktritt führte, sondern der problematische Umgang damit.

Das Problem ist: Oft sind die Dinge nicht eindeutig schwarz oder weiß. Was, wenn in der Amtsstube wirklich ein Hoppala passiert ist? Wenn es beim Vergabeprozess formale Mängel gab? Stehen Sie dazu. Seriöse Journalisten wie Nikbakhsh wollen herausfinden, ob jemand seine oder ihre Macht bewusst zum eigenen Vorteil missbraucht hat. Wenn jemand im Gemeindeamt einen blöden Fehler gemacht hat, ist das für sie keine Story.

So arbeiten Investigativjournalisten:

  • Themen. Anders als Staatsanwaltschaft oder Rechnungshof sind investigative Journalisten meist frei in der Wahl ihrer Themen.
  • Sie können auch auf Verdacht oder reines Bauchgefühl hin Recherchen anstellen.
  • Recherche. Oft bekommen sie einen Tipp, manchmal stoßen sie auch aus Zufall auf ein Thema, das ihnen seltsam vorkommt. In der Regel beginnt die Recherche im Internet: mit der Analyse von öffentlich zugänglichen Informationen. Dann suchen sie meist Kontakt zur Opposition oder zu Bürgerinitiativen.
  • Konfrontation. Wenn Sie kontaktiert werden, hat das Gegenüber bereits Informationen eingeholt. Sie sind nicht verpflichtet zu antworten. Eine völlige Verweigerung macht
  • Sie aber erst recht verdächtig. Und eine Veröffentlichung können Sie nicht verhindern.

– W. RÖSSLER , Chefredakteur Bürgermeisterzeitung

 

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