12:56 Uhr  //  KW 17  //  Mittwoch, 24. April 2019  //  1608 Kollegen online

Offene Kassenstellen können mehr Ursachen haben, als dass sich kein geeigneter Bewerber findet. Daher ist die reine Zahl der offenen Stellen noch verlässlicher Indikator für einen Ärztemangel. (Quelle: Hauptverband der Sozialversicherungsträger)

Während die Zahld er Wahlärzte rasant gestiegen ist, ist die Zahl der Kassenärzte seit 1999 nur leicht gestiegen. Ob das nun besorgniserregend ist, darüber scheiden sich zwischen Ärztekammer und Hauptverband die Geister. (Quelle: Österr. Ärztekammer)

Fakt ist, dass bis 2029 fast die Hälfte aller niedergelassenen Ärzte in Pension gehen wird. (Quelle: Österr. Ärztekammer)

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Gesundheit

Faktencheck Ärztemangel

Gibt es einen Ärztemangel? Und kann dieser überhaupt so dramatisch werden, wie in den Medien immer behauptet wird? Kommunalnet hat die verfügbaren Zahlen und Fakten zu diesem Thema gesammelt.

Während jene Gemeinden, in denen trotz mehrerer Ausschreibungen kein Hausarzt gefunden werden kann, von einem Ärztemangel sprechen, argumentieren gerade die Gebietskrankenkassen seit Jahren dagegen. Doch was sagt der Blick auf die reinen Zahlen?

Probleme mit Nachbesetzungen in mehreren Gemeinden

Fakt ist, dass in Österreich einige Städte und Gemeinden mehrere Ausschreibungen für die Nachbesetzung einer Kassenstelle für Allgemeinmediziner brauchen. Laut Hauptverband der Sozialversicherungsträger war dies beispielsweise 2016 österreichweit in 43 Städten und Gemeinden der Fall. In vier Gemeinden wurde damals sogar schon mindestens achtmal erfolglos ein Allgemeinmediziner gesucht. Aktuellere österreichweite Übersichten gibt es laut Hauptverband derzeit nicht. Daher lässt sich aus diesen Zahlen auch kein Trend ableiten, ob sich die Zahl der mehrmals ausgeschriebenen Stellen seither erhöht hat.

Zahlen aus Oktober 2018 gibt es aber zu österreichweit nicht besetzten Allgemeinmedizinerstellen: Es sind 98 insgesamt. Gleichzeitig werden 87 allgemeine Fachärzte gesucht. Der Hauptverband der Sozialversicherungsträger betont: Die Gründe liegen nicht immer ausschließlich am Mangel. Manchmal wird mangels Bedarf nicht ausgeschrieben, manche Kassenstellen sind zur Verlegung oder für Gruppenpraxisstellen reserviert, bei wiederum anderen ist der Nachfolger bereits gefunden und die Stelle kann schon bei der nächsten Stelle aus der Statistik genommen werden.

Fast die Hälfe aller Ärzte bis 2029 im Pensionsalter

Auch wenn aus der Statistik der derzeit offenen Kassenarztstellen noch kein eindeutiger Beweis für einen Ärztemangel gefunden werden kann, so sind die Statistiken der Österreichischen Ärztekammer zum Altersschnitt alarmierend. Bis 2029 werden 48 Prozent aller niedergelassenen Ärzte (Allgemeinmediziner und Fachärzte) das Pensionsantrittsalter erreicht haben. Bei den 7.099 Kassenärzten sind es sogar 55 Prozent und auch bei den Wahlärzten ist die Situation nicht viel besser. Hier werden binnen der nächsten zehn Jahre 42 Prozent das Pensionsantrittsalter erreicht haben.

In einzelnen Fachrichtungen ist die Situation noch dramatischer:

  • Von den heute 239 praktizierenden Orthopäden mit GKK-Vertrag werden bis 2028 64 Prozent das Pensionsalter erreichen.
  • Bei den 394 Frauenärzten sind es über 65 Prozent.
  • Bei den 166 Urologen 58 Prozent,
  • und bei den heute praktizierenden 390 Fachärzten für Innere Medizin sind es 61 Prozent.

Zu wenig Nachwuchs

Das alles wäre kein Problem, wenn genügend junge Ärztinnen und Ärzte ausgebildet und zum Arbeiten in Österreich bewegt werden könnten. Laut einer Berechnung der Ärztekammer bräuchte es bis 2023 jährlich 938 Ärztinnen und Ärzte, um den Status quo aufrecht zu erhalten und pensionsbedingte Abgänge zu kompensieren.

Das Interesse an einem Medizinstudium ist ungebrochen: 2017 haben sich österreichweit 15.991 Maturant/innen für den Aufnahmetest registriert, um einen der insgesamt 1.620 Studienplätze zu ergattern (2018 wurde die Zahl der Studienplätze von 1.620 auf 1.680 erhöht).

Das Interesse der ausländischen Studenten ist dabei ungebrochen groß. Damit Österreich den Bedarf an Fachkräften im eigenen Land decken kann, hat die EU-Kommission im Mai 2017 die Quote von 75 Prozent österreichischen Studierenden im Bereich des humanmedizinischen Studiums auch nicht aufgehoben - für das zahnmedizinische Studium schon.

Die Österreicher-Quote ist umso mehr gerechtfertigt, weil beispielsweise 80 Prozent der deutschen Medizinabsolventen in Österreich innerhalb von drei Jahren nach dem Studium das Land verlassen. Auch bei Studenten aus anderen EU-Ländern liegt die "Landflucht" bei 60 Prozent. Im Vergleich dazu bleiben 90 Prozent der Österreicher nach ihrem Studienabschluss im Land. Die Ärztekammer plädiert dafür, noch mehr Mediziner auszubilden, denn sie rechnet damit, dass der Bedarf an medizinischer Betreuung aufgrund der Zuwanderung und des steigenden Durchschnittsalters in der Bevölkerung noch steigen wird.

Zahl der Kassenärzte rückläufig

Ein weiterer Aspekt, den die Ärztekammer bemängelt, ist, dass die Zahl der Kassenärzte stagniert bzw. seit einigen Jahren sogar rückläufig ist, während gleichzeitig die Zahl der Wahlärzte stark angestiegen ist. Mit Stand Dezember 2018 arbeiteten in Österreich nach jüngsten Daten der Ärztekammer 7.099 Ärztinnen und Ärzte mit einem Vertrag einer Gebietskrankenkasse. Dazu kamen 1.089 Mediziner mit einem Vertrag kleinerer Kassen oder Krankenfürsorgeanstalten (KFA). Die Zahl der Wahlärzte hat sich hingegen seit 1999 von 4.768 auf 10.099 mehr als verdoppelt, wobei mehr als 7.000 davon Fachärzt/innen sind.

Der Hauptverband der Sozialversicherungsträger argumentiert hingegen, dass "die meisten" jener Wahlärzte einer Haupttätigkeit im Spital nachgehen und nur hin und wieder in Wahlarztpraxen arbeiten würden. Daher - so das Argument - würden die Wahlärzte viel weniger Patienten versorgen als die Kassenärzte.

Kein rein ländliches Problem mehr

Dass das Problem der schwer nachbesetzbaren Stellen kein reines ländliches Phänomen mehr ist, zeigt die Diskussion in der Steiermark: Dort findet sich sogar in Graz und anderen Bezirkshauptstädten kein Mediziner mehr. In der gesamten Steiermark können laut Kleiner Zeitung derzeit 16 Kassenarztpraxen nicht nachbesetzt werden. Dabei handelt es sich konkret um neun Allgemeinmediziner-, drei Kinderarzt- und vier Gynäkologenstellen.

Erste Initiativen in den Bundesländern

Bisher stehen und standen die Gemeinden mit dem Problem, keinen Arzt mehr für die Gemeinde zu finden, ziemlich allein da. Manche entschieden sich, teure Investitionen in die Ausstattung einer Praxis zu tätigen oder die Mieten zu übernehmen, um Ärzte in ihre Gemeinde zu locken. In manchen Bundesländern versucht man nun überregionale Lösungen.

So gibt es in Niederösterreich seit Jänner 2018 für Gemeinden eine "Landarzt-Garantie". Das bedeutet, dass Praxen mit Kassenvertrag, die länger als ein Jahr nicht besetzt werden können, durch Allgemeinmediziner der Landeskliniken-Holding "aufgefüllt" werden. Als Zuckerl gibt es 5.000 bis 50.000 Euro Einstiegsprämie zur Modernisierung der Ordination. Außerdem werden Landärzte etwa bei schlechter Witterung von Rettungsdiensten oder Medizinstudenten unterstützt. Für all diese Maßnahmen stellt das Land jährlich 500.000 Euro zur Verfügung. Zusätzlich wurden die Kapazitäten der Kremser Medizinuniversität erhöht.

In der Steiermark ergab sich nun eine seltene Paarung: Hier haben sich Ärztekammer und Gebietskrankenkasse (GKK) zusammengetan. 3,85 Millionen Euro möchte die GKK in die Hand nehmen, um Starthilfe für schwer besetzbare Kassenpraxen zu leisten. 70.000 Euro für Einzelordinationen und Jobsharing-Gruppenpraxen, 35.000 Euro für eine Übergabepraxis und 105.000 Euro für eine neu gegründete Gruppenpraxis winken dort willigen Ärzten. Ob der Bund zu dieser Aktion allerdings seine Zustimmung erteilen wird, ist noch unklar.

Schnelles Handeln gefragt

Ob die Zahlen nun von der Ärztekammer oder dem Hauptverband kommen - dass es vereinzelt bereits Schwierigkeiten gibt, einen Nachfolger für eine Praxis zu finden, ist evident. Und der Bedarf an jungen Medizinern wird sich in den nächsten Jahren noch erhöhen. Daher wäre es sinnvoll, auf Bundesebene für ganz Österreich an Lösungen zu arbeiten. Die Zeit drängt, denn auch wenn mehr Mediziner ausgebildet bzw. mehr zu einem Verbleib in Österreich bewegt werden, braucht es einige Jahre, bis solche Maßnahmen greifen.

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