15:02 Uhr  //  KW 03  //  Donnerstag, 18. Januar 2018  //  1290 Kollegen online

Autor Michael Richter berichtet schonungslos über die dramatische Flucht nach Europa. ©Gemeindebund

Auf 209 Seiten berichtet Richter über Einzelschicksale von Flüchtlingen und Europas Flüchtlingspolitik. ©Gemeindebund

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Buchtipp

Fluchtpunkt Europa: Unsere humanitäre Verantwortung

Fluchtmotive, Schmuggler und Flüchtlingslager. Die Einzelschicksale von Geflohenen berühren und schockieren den Leser. Das Buch steigert das Verständnis für Flüchtlinge, leider mangelt es durch den Erscheinungstermin im letzten Jahr jedoch an Aktualität.

Menschen fliehen aus ihrer Heimat, weil sie keine andere Wahl haben. Bis sie in Europa ankommen, haben die meisten von ihnen eine Odyssee hinter sich. Wenn sie es überhaupt nach Europa schaffen und auf der Flucht nicht ihre Leben verlieren. Das Buch "Fluchtpunkt Europa: Unsere humanitäre Verantwortung" geschrieben von Regisseur und Dokumentarfilmer Michael Richter behandelt die lange und schwierige Flucht von Menschen aus Krisen- und Kriegsgebieten und die Probleme mit der Flüchtlingspolitik in Europa.

Nachbarn, Routen und Schmuggler

Dieses Buch ist das Ergebnis mehrjähriger Beschäftigung mit der europäischen und vor allem der deutschen Flüchtlingspolitik. Richter hat mit den Filmen "Festung Europa" für ARTE und "Riskante Reise" für das ZDF die Flüchtlingsproblematik bereits intensiv behandelt.

In den ersten Kapiteln von "Fluchtpunkt Europa: Unsere humanitäre Verantwortung" schildert Richter warum und wie Menschen ihre Heimat verlassen. Von Krieg, Verfolgung und Hunger zur Flucht getrieben, fliehen Menschen aus Ländern wie Mali, Afghanistan, Somalia oder Eritrea Richtung Westen und erreichen zuerst ihre Nachbarländer. Am Beispiel Libanon und Tunesien und der instabilen Lage in diesen Ländern erklärt der Autor, warum die meisten Flüchtlinge weiter nach Europa fliehen.

Um dem Leser die Gefahren der Überfahrt nach Europa besser zu veranschaulichen, werden viele Einzelschicksale von Flüchtlingen in diesem Buch geschildert. Im Kapitel "Route" beschreibt der ehemalige Flüchtling J., der heute in seinem Beruf als Arzt in Deutschland arbeitet, schonungslos wie er und seine Familie ihr Leben riskiert haben und bei der Überfahrt von Libyen über das Mittelmeer beinahe im sinkenden Schiff ertrunken wären. Die detaillierten und oftmals schockierenden Beschreibungen von Überlebenden unterstreichen wie skrupellose Schmuggler in maroden Booten mit zu vielen Menschen nach Europa fahren und dort oftmals von der Küstenwache gerettet werden müssen.

Viel Kritik an der EU und dem Umgang mit Flüchtlingen

Wenn die Flucht aus der Heimat und die Überfahrt nach Europa geglückt sind, dann warten in Europa die nächsten Probleme auf die Schutzsuchenden. In "Fluchtpunkt Europa: Unsere humanitäre Verantwortung" spart Richter nicht mit Kritik an der Flüchtlingspolitik der EU. Pushback-Aktionen, also ungesetzliches Zurückdrängen von Einwandern in Grenznähe, werden vom Autor heftig kritisiert. Anhand von Beispielen einzelner Flüchtlinge erklärt Richter wie in Ländern wie Bulgarien und Spanien Flüchtlinge systematisch abgewehrt und in andere Länder zurückgedrängt werden

Auch die Grenzpolizeiagentur Frontex und deren Operationen verurteilt der Regisseur scharf. Frontex koordiniert Einsätze wie, zum Beispiel, in Griechenland, Bulgarien und Italien und ist somit indirekt an den dort stattfindenden Menschenrechtsverletzung wie den Pushback-Aktionen beteiligt. Verantwortliche von Nichtregierungsorganisationen kommen im Buch auch zu Wort und üben gleichermaßen Kritik, sie beschreiben Frontex als Ausdruck der gescheiterten Flüchtlingspolitik der EU.

Wenn Flüchtlinge in Europa bleiben dürfen, dann müssen sie zuerst in eines der vielen Flüchtlingslager in Griechenland, Italien, Spanien oder Bulgarien. Nicht nur Berichte von Hilfsorganisationen, sondern auch von Flüchtlingen, die in diesen Lagern leben müssen und von ihren Erfahrungen berichten, zeichnen ein Bild des Grauens in den meist hoffnungslos überfüllten Lagern. Die Zustände seien katastrophal, es ist schmutzig, es gibt kaum medizinische Versorgung, nicht genug zu essen und es kommt zu Misshandlungen. Zusätzlich betont der Autor, dass die fehlende soziale Unterstützung in diesen Ländern, anerkannte Flüchtlinge, die nicht mehr in den Lagern bleiben dürfen, oft in die Obdachlosigkeit treibt oder sie zwingt illegal zu arbeiten.

Auch die Situation in Deutschland ist schwierig. Richter spricht hier von einer ambivalenten Stimmung. Die Willkommenskultur steht den vermehrten rechts-radikalen Angriffen gegenüber. Auch in diesem Kapitel helfen Einzelschicksale den vielen Flüchtlingen ein Gesicht zu geben. Flüchtlinge, die, zum Beispiel, ihren Schulabschluss nachgeholt haben oder eine deutsche Pflegefamilie, die einen minderjährigen Flüchtling aufgenommen und schlussendlich mit seiner Familie wiedervereint hat, zeigen die positiven Seiten im Umgang mit Flüchtlingen.

Was ist zu tun?

Das letzte Kapitel beinhaltet mögliche Lösungsvorschläge um die Flüchtlingskrise besser bewältigen zu können. Richter spricht sich für sichere Einreisemöglichkeiten, die Stärkung der Herkunftsländer und mehr soziales Engagement aus und fordert den Stopp der Dublin-Vereinbarung. Auch muss in Bezug auf Deutschland ein Einwanderungsgesetz beschlossen werden, das Menschen, die in Deutschland leben und arbeiten möchten, eine Perspektive gibt.

Viele Verschärfungen seit dem Erscheinen des Buches

Schweden und seine Flüchtlingspolitik werden von Richter gelobt und als Paradebeispiel für einen gelungenen Umgang mit Flüchtlingen erwähnt. Jedoch kam es auch in Schweden diesen Juni zu Verschärfungen in der Asylpolitik. Die Aufenthaltsgenehmigung für Flüchtlinge wurde auf drei Jahre beschränkt und auch das Recht auf Familienzusammenführung wurde verschärft. Da dieses Buch bereits am 30. November 2015 erschien, ist der Richtungswechsel in Schweden nicht thematisiert. Auch die Schließung der Balkanroute, das Abkommen mit der Türkei und Verschärfungen in der Flüchtlingspolitik traten erst heuer in Kraft und führten zu veränderten Fluchtrouten und Maßnahmen um den Flüchtlingsstrom zu bändigen.

Fazit

Michael Richters Buch "Fluchtpunkt Europa: Unsere humanitäre Verantwortung" zeigt auf ergreifende Art und Weise welche Strapazen Schutzsuchende auf der Flucht nach Europa erdulden müssen. Während die Einzelschicksale den Flüchtlingsmassen ein Gesicht geben, wird die EU und ihre Flüchtlingspolitik von Richter stark kritisiert. Da das Buch aber leider bereits letzten November erschienen ist, muss man bei der Aktualität der Situation in Ländern wie Schweden und Deutschland Abstriche machen.

Details zum Buch:
Autor: Michael Richter
Erschienen: November 2015
Verlag: edition Körber-Stiftung, Hamburg
Preis: 16,00 Euro
ISBN: 978-3-89684-172-8

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