20:14 Uhr  //  KW 47  //  Montag, 20. November 2017  //  57 Kollegen online

1150 wurde die Marktgemeinde im Rahmen eines Tauschvertrags erstmals urkundlich erwähnt. (Bild: ZVG)

Die Pfarrkirche zum heiligen Bartholomäus ist im Kern ein romanisches Bauwerk mit gotischen Spitzenbogenfenstern und einem Kreuzrippengewölbe. (Bild: ZVG)

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Vitis: Ein Rätsel um fünf Buchstaben

Die niederösterreichische Gemeinde Vitis sorgt mit ihrem Ortsnamen für ordentlich Verblüffung. Ob hinter der Namensentstehung wohl eine aufregende Geschichte aus dem Waldviertel oder nur eine kurze Erklärung steckt?

Denkt man über die Herkunft des Ortsnamens der Marktgemeinde Vitis nach, entstehen erstmals Fragezeichen im Kopf. Im Lateinischen bedeutet "vitis" Weinrebe. Gehörte die Waldviertler Gemeinde einst zu einem bedeutenden Weingebiet?

Vitis gehört heute zum Bezirk Waidhofen an der Thaya und wird von der Deutschen Thaya durchflossen. Das 2.670 Einwohner-Gemeindegebiet umfasst weitere 15 Katastralgemeinden, nämlich Eschenau, Eulenbach, Grafenschlag, Großrupprechts, Heinreichs, Jaudling, Jetzles, Jetzleser Wald, Kaltenbach, Kleingloms, Kleinschönau, Sparbach, Stoies, Vitis und Warnungs. Doch das war nicht immer so.

Lutherische Glaubenslehre in Vitis

1150 wurde die Marktgemeinde im Rahmen eines Tauschvertrags erstmals urkundlich erwähnt. Heinrich von Kammegg erwarb vom Passauer Bischof Konrad die Rechte über das damalige "Vitisse". Vermutungen zufolge, leitet sich der Ortsname aber nicht von der bereits erwähnten Weinrebe, sondern schlichtweg von einem slawischen Personennamen ab.

Im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit wurde die Marktgemeinde von kriegerischen Auseinandersetzungen wie den Hussiteneinfällen, den Bauernkriegen und dem 30-jährigen Krieg heimgesucht. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts war Vitis außerdem eine Hochburg des Luthertums und somit der evangelisch-lutherischen Glaubenslehre. 

Der bedeutende Vieh- und Rossmarkt

Eine weitere urkundliche Erwähnung ist jene des bedeutenden Marktes Vitis' aus dem Jahr 1462. Obwohl dieser zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert von verheerenden Bränden betroffen war, zählte er im 18. und 19. Jahrhundert zu den bedeutendsten Märkten des Waldviertels. Vor allem der Vieh- und Rossmarkt, der ab 1782 am 9. und 10. August stattfand, war überregional beliebt. Beim sogenannten "Kneiperlmarkt" wurden bis zum ersten Weltkrieg Dienstboten, vorwiegend aus dem benachbarten Böhmen, vermittelt. Vitis war zu dieser Zeit ebenso ein Mittelpunkt des textilen Verlagswesens.

Zusammenlegung der einzelnen Dörfer

Das Jahr 1848 veränderte die gesamte örtliche Struktur Vitis', denn die Grundherrschaft wurde aufgelöst und das Veranstaltungs- und Gerichtswesen neu organisiert. Als erstes begann man mit der Konstituierung der Gemeinden. Bis zu diesem Zeitpunkt war durch die örtlichen Gliederungen unter der Aufsicht des Grundherrn eine gewisse Selbstständigkeit vorhanden und jedes Dorf hatte eine autonome Verwaltung. Mit Bedacht auf die Wirtschaftlichkeit sollten nun aber größere Gemeinden gebildet werden. Bei der betroffenen Bevölkerung des Waldviertels stoß das Vorhaben jedoch auf wenig Gegenliebe.

Deshalb wurde der erste Entwurf des Kreisamtes Krems, der 357 Gemeinden vorsah, abgelehnt. In Folge beschäftigte man sich mit der Gründung der Bezirkshauptmannschaften und der Bezirksgerichte mit ihren dazugehörigen Sprengeln. Im Jahr 1899, nach der Gründung des Bezirkes Gmünd, wurde diesem auch Vitis zugeteilt. Seit 1923 gehört die Gemeinde aber zum Bezirk Waidhofen.

Ab 1965 bemühte man sich intensiv, kleine Gemeinden zu größeren zusammenzulegen. Ziel war es, dass es in keiner Gemeinde weniger als 1000 Einwohner gibt. Vitis setzte sich mit 1. Jänner 1970 zusätzlich aus Schacherdorf, Schoberdorf, Kaltenbach, Kleinschönau mit dem Ort Kleingloms, Großrupprechts, Eulenbach, Jetzles, Jaudling mit dem Ort Stoies, Eschenau, Grafenschlag und Sparbach zusammen. In den nächsten beiden Jahren schlossen sich die Gemeinde Heinreichs und der Ort Warnung an. 

Rückgang der Arbeitsplätze in Land- und Forstwirtschaft

Mit dem Zusammenschluss der Gemeinden wurde vor allem eine Verbesserung der Wirtschaftlichkeit angestrebt. Im Jahr 1971 entfielen auf den Sektor Land- und Forstwirtschaft 60 Prozent aller Arbeitsplätze in Vitis. Dieser Anteil ging in den nächsten 20 Jahren aber auf 33 Prozent zurück. Der Verlust von etwa 300 landwirtschaftlichen Arbeitsplätzen konnte auch durch den Anstieg der Jobs in den Bereichen Gewerbe und Dienstleistung nicht ausgeglichen werden.

Vitis und der heilige Bartholomäus

Die heutige ästhetische Besonderheit in der Marktgemeinde stellt die Pfarrkirche zum heiligen Bartholomäus, einst Sitz einer Pfarrherrschaft, dar. Im Kern ist sie ein romanisches Bauwerk mit gotischen Spitzenbogenfenstern und einem Kreuzrippengewölbe. In den Katastralgemeinden befinden sich außerdem Ortskapellen. Die ältesten davon sind jene in Eulenbach mit der Kapelle zur heiligen Anna aus den Jahren 1734/35 und in Großrupprechts mit der Kapelle zum heiligen Antonius aus dem Jahr 1770. Während das Rätsel der fünf Buchstaben zuguterletzt kurz und knapp erklärt werden kann, sorgt die ordentliche Aussprache des Ortsnamens wohl auch künftig für Verwirrung und Aufregung.

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