Rainer Sturm/Pixelio.de

Umwelt

14.09.2021

Klima-Kommunen statt Klima-Notstand

Wir brauchen keine „Revolution von oben“. Die Antwort auf den Klimawandel ist nicht der „Klimanotstand“, den viele Länder und Städte folgenlos ausgerufen haben, sondern die „Klimademokratie“, meint Zukunftsforscher Daniel Dettling.

Zwei Megatrends stellen die Kommunen in den kommenden Jahren vor neue Herausforderungen: Klimawandel und Urbanisierung. Beide verstärken sich in Zukunft gegenseitig. Weltweit leben immer mehr Menschen in Städten und urbanen Ballungsgebieten, bald sind es 80 Prozent der Bevölkerung.

Regionen, die besonders boomen, werden wärmer. Die Städte erhitzen sich stärker als der ländliche Raum. Mit weitreichenden Folgen für Infrastruktur und Immobilien. Die globale Klimakrise entscheidet sich daher vor allem in den Städten. Städte sind für beinahe die Hälfte der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich, die urbanen Infrastrukturen verbrauchen sogar mehr als zwei Drittel der weltweiten Energie. Auf die kommenden Hitzewellen sind Deutschlands Kommunen nicht vorbereitet, warnen Forscher und Ärzte.

Berlin wird zu Toulouse, München zu Mailand und Köln zu San Marino

Die Folgen des Klimawandels werden vor allem die Städte zu drastischen Anpassungsmaßnahmen zwingen. Und das nicht nur in der südlichen Hälfte der Welt, in den Entwicklungs- und Schwellenländern.

Eine Studie der ETH Zürich prognostiziert: Fast 80 Prozent der 520 größten Städte weltweit werden einen extremen Klimawandel erleben. In einem Fünftel der globalen Megastädte werden Temperaturen herrschen, die es bisher in keiner Großstadt gab.

Berechnungen zufolge wird bis 2050 die Zahl der heißen Tage in Berlin von heute zehn auf bis zu 20 Tage, in Hannover von früher fünf auf 12, in Köln von heute 20 auf bis zu 40 und in Stuttgart von rund 30 auf bis zu 70 Tage steigen. Ähnlich wird die Entwicklung in mittleren und kleinen Städten sein. Temperaturen um die 40 Grad werden in vielen größeren Städten normal. Unter der Hitze leiden besonders Kleinkinder und Ältere.

Die Zahl der Hitzetoten ist allein in Berlin in den letzten Jahren drastisch gestiegen, von 300 auf fast 500 pro Jahr. Dagegen kamen im Straßenverkehr in der Hauptstadt zuletzt 40 Menschen ums Leben. International rangiert Deutschland bei den Hitzetoten vor den USA an dritter Stelle nach China und Indien. 2018 gab es deutschlandweit rund 20.000 hitzebedingte Todesfälle. Ohne den Klimawandel wären es erheblich weniger gewesen. Forscher, die Daten aus über 730 Städten in 42 Ländern auswerteten, schätzen den Klima­effekt auf etwa 37 Prozent.

Städte machen eigene Klima-Politik

Immer mehr Städte vernetzen sich und betreiben ihre eigene Klimapolitik. So haben sich die Bürgermeister von London, Paris, Los Angeles, Kopenhagen, Barcelona, Mexiko-Stadt und Mailand verpflichtet, ab 2025 nur noch Elektrobusse zu kaufen, bis 2030 wollen sie weitgehend emissionsfrei sein.

Wie sich die Energiewende mit einer steigenden urbanen Lebensqualität koppeln lässt, zeigen vor allem die Städte des europäischen Nordens. So haben Kopenhagen und Amsterdam den Autoverkehr in den vergangenen Jahren massiv reduziert. Ihr Beispiel zeigt: Gibt es attraktive Radwege, steigen die Bürger aufs Fahrrad um.

In Österreich wurde die Initiative „Zero Emission Cities“ gegründet. Wien ist seit Jahren beim Thema Lebensqualität global führend und gilt bei Wohnen und Mobilität als Vorbild für die Stadt von morgen. So bekommen die Wiener Bürger auf einer App angezeigt, wie viel CO2 sie durch die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs gespart haben.

Mit einer anderen App werden die Wiener spielerisch zu klimaschonendem Verhalten animiert und sammeln Punkte, wenn sie zu Fuß gehen oder das Rad oder die Öffentlichen benutzen. In Paris oder Athen zeigt eine App kühle Orte wie Tiefgaragen, Kirchen, Einkaufszentren und Bibliotheken an. Und in Hessen engagieren sich mehr als 280 Kommunen für Klimaschutz und die Anpassung an den Klimawandel.

Prioritäten verlagern sich

Die Städte müssen grüner und kühler werden. Wenn die Winter milder werden, braucht es weniger Heizungsenergie, dafür mehr Energie für Kühlung im Sommer.

Mehr Klimaanlagen gehen nur, wenn die Energie erneuerbar ist. Die Lösung: Solardächer werden zur Pflicht. Die Kommunen mit ihren Stadtwerken werden zu Energieerzeugern und Energiesparern. Bäume, Grünflächen, Friedhöfe und Dachgärten kühlen und schützen, wenn ausreichend Wasser zur Verfügung steht. Aus Schwarm- werden Schwammstädte. Neben Solaranlagen wird es riesige Wasserspeicher im Boden geben, die später für das Bewässern von Bäumen und Böden eingesetzt werden.Trends wie „Urban Farming“ machen aus der Landwirtschaft eine neue Stadtwirtschaft. Mehr Landwirtschaft in den Städten sorgt für besseres städtisches Klima, mehr Artenvielfalt und nachhaltigere Stadtentwicklung.

Die Krise des Einzelhandels und der Büroflächen sollten die Kommunen nutzen, um mehr Grünflächen, Begegnungsorte und Platz für nachhaltiges Wohnen zu schaffen.

Nachhaltige Architektur

Das Leitbild ist nicht mehr die auto- und einkaufsgerechte Stadt, sondern die kinder- und altersgerechte Bürgerstadt. Dabei kommt es entscheidend auf eine nachhaltige Architektur an. Viele Gebäude sind nicht gerüstet für die zunehmende Hitze. Die Nachverdichtung der Städte muss klimaverträglicher werden, das Berufsbild der Architekten sich verändern. Es geht um eine neue Balance des bisherigen Mantras „Höher, enger, dichter“ und dem neuen „Offener, kühler und grüner“.

Wie das gelingen kann, zeigen etliche Beispiele auch in deutschen Städten. Das Projekt „Ottensen macht Platz“ startete bereits vor der Corona-Pandemie und steht für einen Trend vieler Kommunen: autofreie Innenstädte, weniger Parkplätze, mehr Platz im öffentlichen Raum und Vorfahrt für Fußgänger und Radfahrer.

Mit und nach Corona wird sich der Wandel beschleunigen. Zehntausende Geschäfte werden Schätzungen zufolge aufgeben, stattdessen sollen Kindergärten, Schulen, Wohnungen und Handwerker in die Innenstädte kommen. Auf die bisherige Monotonie folgt ein bunter Mix aus alten Räumen und neuen Formen. Auch die Immobilienwirtschaft prognostiziert einen neuen Mix an Nutzungen und neuen Mobilitätsformen. Von weniger Autos vor der Tür erhoffen sie sich neuen Umsatz und lebendige Wohnquartiere. Neben einer guten und nachhaltigen Stadtplanung geht es um die Beteiligung der Bürger.

Mehr Selbstverwaltung und mehr Beteiligung fürs Klima

Eine „Revolution von oben“, wie sie der Club of Rome für die Transformation fordert, braucht es dafür nicht. Die Antwort auf den Klimawandel ist nicht der „Klimanotstand“, den viele Länder und Städte folgenlos ausgerufen haben, sondern die „Klimademokratie“. Der Kampf gegen die Klimakrise wird zum Projekt der Städte, ihrer Bürgermeister und Bürger. Zürich steht für viele Städte: Statt den „Klimanotstand“ auszurufen, gibt die Schweizer Stadt bei der Abwägung von Interessen dem Klima Priorität und bindet die Bürgerinnen und Bürger aktiv ein.

Die Klimawende braucht die lokale Demokratie und ihre Bürgermeister. Nachhaltiger und effizienter als Verzicht und Verbote von oben sind Anreize, Wettbewerbe und Innovationen. Wenn sehr wenige Menschen sehr viel entscheiden, sind beide bedroht: die Demokratie und das Klima. Der grüne und urbane Fortschritt braucht in Zukunft mehr (und nicht weniger) Selbstverwaltung und Beteiligung, Demokratie und Freiheit. Dass die Kommunen in Krisenzeiten schneller und dennoch bürgernah agieren, haben sie in der Flüchtlings- und der Coronakrise gezeigt. Auch in der Klimakrise wird es auf die Städte und Gemeinden ankommen.

-D. DETTLING

Zum Autor

Daniel Dettling ist Verwaltungs- und Politikwissenschaftler sowie Zukunftsforscher und leitet das Institut für Zukunftspolitik mit Sitz in Berlin.

MEHR ZUM THEMA

Erste Gemeinde ruft Klimanotstand aus

Podcast: Marcus Wadsak über “Klimaleugner”

Kommunale Sommergespräche: Energiewende ist schaffbar!

© Copyright - Kommunalnet