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22.10.2021

Bundesrat: Corona brachte mehr Wertschätzung für ländlichen Raum

Die Veränderungen, die Österreich im Zuge der COVID-19-Pandemie durchmacht, behandelte diese Woche der Bundesrat in einer Enquete mit dem Titel “Postcorona – Neue Wertschätzung für den ländlichen Raum”. In seinen einleitenden Worten meinte Bundesratspräsident Peter Raggl, es sei bemerkenswert, wie schnell sich die heimische Wirtschaft in vielen Bereichen wieder erholt habe, nicht zuletzt dank der durch Corona erhöhten Akzeptanz ortsungebundenen Arbeitens. Raggl: “Es geht um kein Gegeneinander, es geht mir um einen neues Miteinander”.

In zwei Panels referierten unter anderem Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger, Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck, die Bundesministerin für Umwelt und Verkehr, Leonore Gewessler und der Generalsekretär des Arbeitsmarktservice Johannes Kopf über Chancen und Herausforderungen der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbrüche, vor denen Österreich infolge der Corona-Pandemie steht.

Raggl: Wirtschaftsaufschwung mit Dezentralisierung unterstützen

Die Bereitschaft zur Impfung gegen das Corona-Virus habe in den letzten Wochen nicht das erhoffte Ausmaß erreicht, stellte Raggl fest und verwies darauf, dass erst rund 62% der österreichischen Bevölkerung einen umfassenden Impfschutz aufweisen. “Postcorona findet also heute noch nicht statt”, man müsse sich auf ungewisse Monate einstellen. Viele Wirtschaftsbereiche hätten allerdings schon im zweiten Quartal 2021 die Krise hinter sich gelassen, nannte Raggl den Handel, das Bauwesen, die Industrie und die Banken. Gastronomie und Beherbergung hätten dagegen noch einen weiten Weg zum Vorkrisenniveau vor sich. Dennoch zeigte sich Raggl hoffnungsvoll: vorausgesetzt, die Wintersaison verlaufe ohne große Einschränkungen, könne für dieses und nächstes Jahr eine kräftige Erhöhung des Bruttoinlandsprodukts erwartet werden.

Österreich habe sich durch die Pandemie gewandelt, so Präsident Raggl, “Corona hat vieles verändert”, habe die Gesellschaft in vielen Dingen geeint, aber auch in manchen Aspekten gespalten. “Sie hat aber jedenfalls eine neue Wertschätzung für den ländlichen Raum mit sich gebracht”, sieht Raggl eine neue Chance, die Regionen mit ihrer ländlichen Gemeinschaft, gesunden Umwelt und bäuerlichen Nahversorgung wieder als Wohn- und Arbeitsorte attraktiver zu machen. Nicht zuletzt die schwierige Situation am Wohnungsmarkt in den städtischen Gebieten beschleunige neben des durch Corona mehr akzeptierten “Remote Work” die Rückbesinnung auf den ländlichen Raum.

Im Sinne einer prosperierenden Wirtschaft und eines guten Angebots an Arbeitsplätzen brauche es daher eine bessere Vernetzung von Stadt und Land, folgerte Raggl. Er bezog sich dabei sowohl auf die Digitalisierung, die vorangetrieben werden müsse, als auch auf den Ausbau des öffentlichen Verkehrs. Letztlich gehe es darum, am Land in Zeiten der Dezentralisierung eine Chancengleichheit gegenüber der Stadtbevölkerung zu schaffen: “Mehr Fairness für den ländlichen Raum”, ohne das als Gegensatz zwischen Stadt und Land zu sehen.

Horx: Rückbesinnung zum Land neuer Trend

In seinem Impulsreferat beleuchtete der deutsche Publizist und Trendforscher Matthias Horx in der Enquete die von Präsident Raggl angeregte neue Partnerschaft zwischen Stadt und Land. “Die neue Stadt-Land-Dynamik” zeigt sich ihm zufolge in einem geänderten Diskurs über den ländlichen Raum, der lange dem Untergang geweiht schien. In den letzten drei Jahrzehnten sei die Topographie Europas von einer “Turbo-Urbanisierung geprägt gewesen, auch seitens der Politik sei oft ein unterschwelliger Kulturkampf zwischen Peripherien und Städten mit ihren sozialen Unterschieden heraufbeschworen worden. Das rapide Anwachsen der Großstädte habe zu einer Entleerung der ländlichen Räume geführt.

Horx ließ dahingestellt, inwieweit diese extremen Sichtweisen der gesellschaftlichen Spaltung mit der Realität übereinstimmten, er hielt aber fest, durch Corona sei nun jedenfalls ein Gegentrend erzeugt worden. Als neue Normalität kristallisiere sich “die Sehnsucht nach dem Land” in großen Teilen der Bevölkerung heraus: viele wollten wieder näher an der Natur sein, auch “Urbanisten” strebten nach einer neuen Lebensweise in der Stadt.

Die Digitalisierung spiele hier eine bedeutende Rolle, analysierte Horx, fügte allerdings an, das Internet allein könne die Verödung der Dörfer nicht beheben. Wichtig sei die progressive Weiterentwicklung der Beziehungen zwischen den BewohnerInnen von Stadt und Land. In gewissen Bereichen erkennt der Zukunftsforscher diese Veränderung bereits, etwa bei der Verstädterung von dörflichen Kulturformen im Rahmen des Zuzugs. Auf der anderen Seite würden in Städten neue kooperative Formen entstehen, die man mit der Industrialisierung verloren habe, wies Horx auf gesellschaftliche Phänomene wie “Co-Working”, “Co-Gardening” und “Co-Mobility” hin sowie auf die Hinwendung der Lebensräume zu post-industriellen Grätzl-Strukturen.

Zur Wiederbelebung der Dörfer und ihrer Ortskerne meinte Horx, neue kreative Bürgermeister und Bürgermeisterinnen seien entscheidend, um Spaltungen zu überwinden und etwa im architektonischen Feld neue Ideen einzubringen. Ein neues “Storytelling” der Regionen mit regionalen Spezialitäten, Handwerken und Eigenheiten im Mittelpunkt habe schon vielerorts in Europa die Zuzugspolitik in die Dörfer und deren Tourismuswirtschaft unterstützt. “Die Liebe zur Heimat ist die Grundlage selbstbewussten Wandels”, schloss der Wissenschafter. Die neue Auseinandersetzung zwischen Stadt und Land könne dadurch für alle bereichernd sein.

Maßnahmen zur Zukunftssicherung in den Regionen

Im ersten Panel “Paradigmenwechsel am Land: Chancen, Risiken und Schwerpunkte” umreißen die Bundesministerinnen Elisabeth Köstinger, Leonore Gewessler und Margarete Schramböck die Zukunftsperspektiven der österreichischen Regionen. Landwirtschaftsministerin Köstinger richtet den Fokus dabei auf die Qualitätsfaktoren bei der Weiterentwicklung der ländlichen Raumplanung, Umwelt- und Verkehrsministerin Gewessler auf Mobilitätsfragen im Zusammenspiel vom urbanen und ländlichen Raum und Wirtschaftsministerin Schramböck befasst sich mit der zentralen Rolle der Digitalisierung in diesem Zusammenhang.

“Postcorona – Schlussfolgerungen für die ländlichen Regionen” lautet der Titel des zweiten Panels, bei dem nach einer Keynote von Universitätsprofessor Markus Schermer zu gesellschaftlichen und sozialen Folgen der Pandemie der Tiroler Landesrat Johannes Tratter und der niederösterreichische Landesrat Ludwig Schleritzko für ihre Bundesländer Antworten auf Herausforderungen der Zukunft geben. Zur Dezentralisierung von Arbeit nimmt in weiterer Folge Arbeitsmarktservice-Chef Johannes Kopf Stellung und Vera Glassner von der Arbeiterkammer Wien beleuchtet die Situation von Frauen und Familie. Die Lehren aus der Corona-Krise in Hinblick auf agrarpolitische Forderungen thematisiert Manfred Muhr, Erster Vizepräsident der Landwirtschaftskammer Kärnten.

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