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10.03.2022

Digitalisierung und Breitbandversorgung im ländlichen Raum

Der ECOnet-Blogbeitrag beleuchtet Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung für den ländlichen Raum. Der Fokus liegt dabei auf der Breitbandversorgung als Nutzungsvoraussetzung für digitale Innovationen. In Österreich und seinen Nachbarländern sieht die Situation derweil ganz unterschiedlich aus.

Chancen und Herausforderungen für den ländlichen Raum

Homeoffice, digitale Bürger*innendienste, digitale Konzertreihen – in der Corona-Pandemie hat die Digitalisierung einen deutlichen Schub erhalten. Vom Alltag über Arbeit zu Freizeit und Mobilität, in zahlreichen Bereichen wurden während des Lockdowns die Herausforderungen aber auch Chancen der Digitalisierung erneut vor Augen geführt. Eine flächendeckende Versorgung mit hochleistungsfähigem Internet und Mobilfunk ist dabei eine wichtige Voraussetzung um digitale Innovationen wie beispielsweise Echtzeitinformationen im Öffentlichen Personennahverkehr, digitale Bürgerpartizipation, Telemedizin oder digitale Bildungsangebote nutzen beziehungsweise anbieten zu können.

Auch für die Wirtschaft ist eine funktionierende und schnelle digitale Anbindung ausschlaggebend für die Standortwahl. Die Verfügbarkeit von Informations- und Kommunikationstechnologien und Breitbandzugängen leisten auch im ländlichen Raum einen Beitrag zu Wirtschaftswachstum, Produktivitäts- und Effizienzsteigerungen und Beschäftigung in der Privatwirtschaft. Um Arbeitsplätze auf dem Land zu sichern, neue Arbeitsplätze zu schaffen und somit zu besseren Lebensverhältnissen und der Zukunftsfähigkeit ländlicher Räume beizutragen, ist ein flächendeckender Netzausbau somit ebenfalls von großer Bedeutung.

Breitbandausbau in manchen Gebieten nicht rentabel

Es bestehen jedoch weiter deutliche regionale Unterschiede in der Breitbandversorgung. In ländlichen Räumen bestehen oftmals Versorgungslücken, die Versorgung mit Hochleistungsinternet bleibt hinter der Versorgung in Ballungsgebieten zurück.

Die Kosten für das Errichten von Funkmasten oder die Verlegung von Kabeln können durch Privatanbieter im Telekommunikationsbereich nicht eins zu eins an die Kund*innen weitergeben werden.

Zusammen mit der geringeren Bevölkerungsdichte ist der Breitbandausbau in einigen Gebieten für Privatanbieter wenig bis nicht rentabel. Dies führt zu deutlichen regionalen Unterschieden bei den Anschlussraten.

Wenn Kommunen selbst aktiv werden, stehen sie vor der Herausforderung, den Ablauf auch über Gemeindegrenzen hinweg zu koordinieren, Kosten zu senken (bspw. durch Eigenleistung beim Bau von Gräben oder der Mitnutzung von Masten), mit Anbietern zu verhandeln, Rechtssicherheit herzustellen und Fördermittel zu beantragen.

Unterschiedliche Herangehensweise in den Ländern Europas

Erfolgsmodelle beim Breitbandausbau in ländlichen Gebieten beruhen zum einen auf ambitionierten Zielsetzungen auf Landesebene und zum anderen auf Kooperation der lokalen Akteurinnen und Akteure bei der Koordination von Ausbauaktivitäten.

Die Schweiz beispielsweise verfolgt einen Multi-Stakeholder-Ansatz. Estland setzt auf ein inter-kommunales Glasfasernetz, um Anschlusspreise zu senken.

Auch die Clusterung von Ausbaugebieten und die Kooperation von Kommunen führten in einigen europäischen Ländern zu erfolgreichem Glasfaserausbau im ländlichen Raum. Oft wurde erst durch kommunales Engagement Wettbewerb ausgelöst und technische Innovation vorangetrieben. Diese Beispiele zeigen wie die zukünftig stark steigende Nachfrage nach hochleistungsfähigen Breitbandanschlüssen auch in ländlichen Gebieten erfolgreich bedient werden kann.

Zahlen, Daten, Fakten

Werfen wir also einen Blick auf die Lage in Österreich, Deutschland und weiteren Ländern der Europäischen Union (EU). Welche Unterschiede sind bei privater und gewerblicher Breitbandverfügbarkeit zu erkennen? Wie sieht die Situation bei den superschnellen Gigabit-Anschlüssen aus?

Die Situation in Österreich

In Österreich verfügen 2020 90 Prozent der Haushalte über Festnetz-Breitbandanschlüsse mit Downloadgeschwindigkeiten von bis zu 30Mbit/s. Gigabit-fähige Anschlüsse (mehr als 1.000 Mbit/s) sind hingegen nur für rund 45 Prozent der Haushalte verfügbar. In ländlichen Gebieten liegt die Gigabit-Verfügbarkeit sogar erst bei etwa 15 Prozent.

Die Situation in Deutschland

Deutschlandweit verfügten Mitte 2021 ca. 95 Prozent der Haushalte über Breitbandanschlüsse von mindestens 50 Mbit/s. Über 62 Prozent der Haushalte stehen Gigabitanschlüsse (1.000Mbit/s oder mehr) zur Verfügung. Ebenfalls ist in 95 Prozent der Gewerbegebiete Breitband von mindestens 50 Mbit/s zugänglich. Über 50 Prozent der Gewerbegebiete verfügten über Gigabitanschlüsse (1.000Mbit/s oder mehr).

Im ländlichen Raum liegt die Breitbandverfügbarkeit mit 86 Prozent der Haushalte (50Mbit/s oder mehr) etwas niedriger. Die Unterschiede werden mit zunehmender Übertragungsrate größer, lediglich 23 Prozent der Haushalte in ländlich geprägten Gemeinden verfügen über Gigabitanschlüsse (1.000Mbit/s oder mehr). An den Gewerbestandorten im ländlichen Raum liegen die Zahlen nochmals etwas niedriger. Breitbandanschlüsse über 50 Mbit/s sind in 83 Prozent der Gewerbegebiete verfügbar, Gigabitanschlüsse hingegen lediglich in 27 Prozent.

Die Situation in Europa

EU-weit hatten Mitte 2020 97,4 Prozent der Haushalte Zugang zu Breitband (Downloadgeschwindigkeit über 2 Mbit/s), im ländlichen Raum waren dies 89,7 Prozent.

Mit einer landesweiten Abdeckung von 100 Prozent sind hier Zypern, Frankreich, Luxemburg, Malta und Großbritannien Spitzenreiter. In Litauen, Polen und Rumänien hingegen erreicht die Breitbandversorgung landesweit weniger als 90 Prozent, sowie weniger als 80 Prozent im ländlichen Raum.

Österreich und alle Nachbarländer liegen damit sowohl bei der Breitbandversorgung insgesamt als auch im ländlichen Raum im europäischen Mittelfeld.

Betrachtet man leistungsfähigere Breitbandanschlüsse, fällt die Netzabdeckung deutlich ab. Über Breitbandanschlüsse mit Downloadgeschwindigkeiten von über 30Mbit/s verfügten 2020 EU-weit 85,0 Prozent der Haushalte. Über mehr als 100 Mbit/s verfügten 75,5 Prozent der Haushalte und über mehr als 1.000 Mbit/s lediglich 50,9 Prozent der Haushalte.

Malta erreicht im Gigabit-Bereich (mehr als 1.000 Mbit/s) erneut eine Abdeckung von 100 Prozent der Haushalte mit Zugang zu Gigabit-Anschlüssen. Österreich, Ungarn und Italien liegen mit jeweils unter 40 Prozent, die Slowakei mit knapp über 20 Prozent im unteren Mittelfeld. Tschechien und Kroatien mit unter 10 Prozent sind dagegen nahe des Schlusslichts Slowenien, wo lediglich 0,8 Prozent der Haushalte Zugang zu Gigabit-Anschlüssen haben.

Fazit

In Österreichs ländlichen Gebieten liegt die Gigabit-Verfügbarkeit bei etwa 15 Prozent (2020), im ländlichen Raum in Deutschland bei 23 Prozent der Haushalte (2021).

Diese Werte liegen deutlich unter dem landesweiten Durchschnitt von 45 Prozent (Österreich 2020) beziehungsweise 62 Prozent (Deutschland 2021) sowie dem EU-Durchschnitt von landesweit 51 Prozent (2020). Sie verdeutlichen die zurückbleibende Versorgungsleistung mit Hochleistungsinternet im ländlichen Raum.

Wie diese Zahlen illustrieren, stellt der für Privatanbieter im ländlichen Raum oftmals nicht rentable Breitbandausbau eine Herausforderung dar. Um digitale Innovationen nutzen beziehungsweise anbieten zu können, ist eine flächendeckende Versorgung mit hochleistungsfähigem Internet und Mobilfunk jedoch eine wichtige Voraussetzung.

Echtzeitinformationen im Öffentlichen Personennahverkehr, digitale Bürger*innenpartizipation, Telemedizin oder digitale Bildungsangebote, die Reihe digitaler Innovationen ließe sich beliebig fortsetzen. Auch für die Wirtschaft ist eine funktionierende und schnelle digitale Anbindung ausschlaggebend für Standortwahl, Produktivität, Effizienzsteigerungen und Beschäftigung. Um Arbeitsplätze auf dem Land zu sichern, neue Arbeitsplätze zu schaffen und somit zu besseren Lebensverhältnissen und der Zukunftsfähigkeit ländlicher Räume beizutragen, ist ein flächendeckender Netzausbau ebenfalls von großer Bedeutung.

Erfolgsmodelle beim Breitbandausbau in ländlichen Gebieten beruhen neben ambitionierten Zielsetzungen auf Landesebene insbesondere auf Kooperation der lokalen Akteure bei der Koordination von Ausbauaktivitäten. Multi-Stakeholder-Ansätze, inter-kommunale Glasfasernetze, Clusterung von Ausbaugebieten oder Kooperation von Kommunen: Oft wurde in europäischen Nachbarländern erst durch kommunales Engagement der Ausbau von hochleistungsfähigen Netzen in ländlichen Gebieten vorangetrieben.

– J.SEHIC

Über die Autorin

Jutta Sehic ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Andrássy Universität Budapest und Projektmitarbeiterin am Institut für Strategieanalysen im Projekt „ECOnet“. Im Rahmen Ihres Dissertationsprojekt zur internationalen Vernetzung innovativer kleiner und mittlerer Unternehmen in Mittel- und Südosteuropa untersucht sie derzeit die Wechselwirkungen von Migration und Unternehmertum in der Westbalkan-Region.
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