Bürgermeister kritisiert: Gemeinden haben Hausaufgaben noch nicht gemacht

Landauf landab kämpfen Österreichs Gemeinden seit Monaten mit leeren Kassen – noch nie war die Krise derart spürbar wie aktuell: Steigende Aufgaben, Lohnsteigerungen bei Personal, Energie- und Sprit sowie die Kostenexplosion im Sozialbereich bei ständig sinkenden Einnahmen, stellen viele Gemeinde vor unlösbare Probleme. In der Gemeinde Guntersdorf im niederösterreichischen Weinviertel ist das anders:

Die Gemeinde hat einen Budgetüberschuss, von Investitionsstopp ist keine Rede. Das Erfolgsrezept: „Bei uns packen alle mit an“, sagt Bürgermeister Roland Weber. „Und zwar nicht erst seit heute“, ergänzt er. Im Winter schupfen Vizebürgermeister Reinhard Fleischmann und Bürgermeister Roland Weber den Winterdienst der Gemeinde in Eigenregie – und das in einer Gemeinde mit 1200 Einwohnern und einer Fläche von 28,42 Quadratkilometern. Wird ein neues Feuerwehrhaus, ein Musikheim oder die Sportanlage neu gebaut, dann legt Ortschef Weber mit seinen Gemeinderatskollegen und Mtigliedern der Verbände selbst Hand an. „Alleine bei den letzten Bauarbeiten haben wir uns 25.000 Euro gespart, weil wir es selber gemacht haben und zusammen geholfen haben“, sagt der Ortschef stolz.

Selber Anpacken als Erfolgsrezept

Roland Weber sieht neben dem Sparfaktor für die Gemeinden aber einen zusätzlichen Bonus darin, mehr selbst umzusetzen: „Wenn die Leute mithelfen und anpacken, sind sie stolz auf ihr Werk, fühlen sich verbunden mit ihrem Ort und passen auch besser darauf auf, weil sie wissen, welchen Wert es hat und was man dafür leisten muss“, sagt der Ortschef.

Was für den 48-jährigen Bürgermeister bei seiner Arbeit selbstverständlich ist, vermisst er bei seinen Amtskollegen. „Die meisten Gemeinden haben ihre Hausaufgaben noch nicht gemacht“, sagt Roland Weber. Deswegen gehe es vielen Gemeinden finanziell auch so schlecht. Was meint der Bürgermeister damit konkret? „Vieles selber machen, Aufträge genau überprüfen, Personal sparsam einstellen und auf eigene Einnahmen setzen“, erklärt der gelernte Landwirt und Steuerberater sein Erfolgsrezept. Guntersdorf hat ein Budget von 2,5 Mio. Euro, investiert jährlich 500 bis 800.000 Euro, hat 2,5 Arbeitskräfte im Gemeindeamt, einen Mitarbeiter im Außendienst und ein paar Stütztkräfte. Zusätzlich hat die Gemeinde ein Betriebsgebiet mit knapp 150 Arbeitskräften, ein Ärztezentrum vollständigen Glasfaserausbau, ein relativ neues Wasserleitungsnetz sowie meist gut erhaltene Straßen und Güterwege. Die Kanalgebühren hat Guntersdorf seit 13 Jahren nicht erhöht. „Weil wir es nicht müssen“, sagt Roland Weber. „Mit diesem Weg haben wir es in Guntersdorf geschafft, dass wir nicht abhängig sind, sondern eigenständige Entscheidungen treffen können. Das ist mir auch sehr wichtig“, so der Ortschef.

Nicht jede Gemeinde muss alles haben

Roland Weber ist aber auch dagegen, dass jede Gemeinde alles haben und anbieten muss. „Wir haben beispielsweise kein Schwimmbad und keinen Postpartner. Dagegen wehre ich mich. Da müssen die Bürger eben in die Nachbargemeinde oder die Bezirksstadt fahren“, sagt der Ortschef. Alleine keinen Postpartner zu haben, spare dem Ort 30.000 Euro im Jahr.

In der Bevölkerung wird die effiziente und sparsame Arbeitsweise des Bürgermeister nicht immer gut geheißen. „Viele reden im Ort darüber, wieso wir so sparen müssen, und wieso der Bürgermeister selbst mithilft und was er davon für einen Vorteil hat“, erzählt Roland Weber. Dass er als Bürgermeister eine Vorbildwirkung hat, es bei den Entscheidungen immer um Steuergeld geht, sei vielen nicht bewusst. „Interessant ist nur, dass viele bei privaten Entscheidungen und Investitionen immer nach dem billigsten Angebot suchen oder auf Effizienz schauen. Wenn ich das im öffentlichen Bereich mache, wird es kritisiert“, wundert sich der Bürgermeister. Leicht sei es für Ortschef nicht immer, diesen „gradlinigen“ und „direkten“ Weg zu gehen. „Meine Arbeit ist sehr fordernd und aufreibend. Aber ich mache den Job sehr gerne“, so Bürgermeister Weber. Ihm ist aber auch klar, dass nur einzelne Bürger den Gemeinden das Leben schwer machen und nicht die große Masse. Obwohl der Ortschef nicht auf den Mund gefallen ist und gerne kommuniziert, verweigert er die Whatsapp-Kommunikation oder Social Media.. „Ich mache grundsätzlich keine Abmachungen oder treffe Entscheidungen auf einem Kirtag oder im Wirtshaus. Wenn jemand mit mir reden will, dann muss er zu mir aufs Gemeindeamt kommen. Dort können wir über alles reden und gegebenenfalls einen Kompromiss finden“, sagt Roland Weber.

Bürgermeister Weber abschließend: “Ich möchte auch nicht andere Bürgermeister persönlich kritisieren, ich weiß wie schwer Nein-Sagen ist. Ich möchte nur den Weg in Guntersdorf als Beispiel aufzeigen.”

Von: Sotiria Peischl, Redaktion Kommunalnet

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