„Herr Bürgermeister” – wie ein Titel alles verändert
Stefan Geieregger, Partner von Bernadette Geieregger, Bürgermeisterin von Kaltenleutgeben und Vizepräsidentin des NÖ Gemeindebundes
“Wenn ich ehrlich bin: So etwas wie einen normalen Alltag gibt es kaum noch. Kein Nine-to-five, keine selbstverständlich freien Wochenenden. Viele Termine fallen abends an oder am Samstag. Wir müssen unsere gemeinsame Zeit heute bewusst planen – aber es ist machbar.Was mich am meisten nervt? Genau das: die Zeit, die einem fehlt. Treffen mit Freunden sind schwieriger geworden, Verabredungen werden oft kurzfristig verschoben oder abgesagt. Manchmal komme ich alleine, und meine Frau stößt später dazu. Ich arbeite im Home Office und habe manchmal den ganzen Tag niemanden gesehen – am Abend möchte ich dann etwas unternehmen. Aber sie hatte einen langen Tag mit vielen Gesprächen und ist erschöpft. Dieses Spannungsfeld kennt man wohl in vielen Beziehungen. Bei uns ist es nur deutlich präsenter. Ja, und öffentliche Kritik tut manchmal weh. Vor allem dann, wenn auf Facebook Dinge über meine Frau behauptet werden, die schlicht falsch sind – aber trotzdem bei manchen Leuten Gehör finden. Ich weiß, dass sie ausschließlich im Interesse der Gemeinde arbeitet, unabhängig davon, wen es betrifft. Trotzdem werden ihr Eigeninteresse oder ähnliche Motive unterstellt. Dabei werden viele Entscheidungen gar nicht auf Gemeindeebene getroffen, sondern zum Beispiel auf Landesebene. Vielen fehlt schlicht das Wissen – über die Bauordnung etwa, oder darüber, was jemand mit seinem eigenen Grund tun darf, solange alle Regeln eingehalten werden. Wenn dann Unwahrheiten verbreitet werden, trifft das einen persönlich.Was mich am meisten überrascht hat? Wie sehr meine Frau als Mensch in dieser Aufgabe gewachsen ist. Wie erfüllend, aber auch wie anstrengend diese Arbeit sein kann. Das macht mich unglaublich stolz. Und was sollten alle Bürgermeisterinnen und Bürgermeister hören? Ein einziger Satz reicht: Immer korrekt und transparent arbeiten – dann schläft man gut. Ich glaube, das gilt für das Amt. Und es gilt, auf seine Art, auch für alles, was drumherum hängt.”
Man bekommt quasi ein neues Familienmitglied dazu. Die Gemeinde.
Gertraud Pressl, Partnerin von Johannes Pressl, Bürgermeister von Ardagger sowie Präsident des NÖ Gemeindebundes
“Der Moment, in dem mir wirklich bewusst wurde, dass dieses Amt auch mein Leben verändert, kam über meine Kinder. Sie kamen eines Tages aus der Hauptschule nach Hause und sagten: „Mama, es ist so unfair. Wir werden immer strenger beurteilt, weil wir die Kinder vom Bürgermeister sind.” Da war es plötzlich greifbar – nicht als abstrakte Idee, sondern als gelebte Realität meiner Familie. Was kaum jemand ausspricht, aber jeder im Umfeld eines Bürgermeisters kennt: Man bekommt quasi ein neues Familienmitglied dazu. Die Gemeinde. Sie sitzt mit am Mittagstisch, ist abends dabei und macht auch am Wochenende keine Pause. Das spüren nicht nur ich als Partnerin, sondern auch die Kinder und alle, die uns nahestehen. Wenn ich unser Leben in einem Wort beschreiben müsste, dann wäre es: eigenständig. Das klingt vielleicht überraschend. Aber es ist die ehrlichste Antwort, die ich geben kann. Denn die Veränderung, die mich im Alltag am stärksten trifft, ist eigentlich eine ganz kleine, alltägliche Sache: das Essen. Ein ruhiges Mittagessen, ein ungestörtes Abendessen zu zweit – das ist zur Seltenheit geworden. Entweder er ist wegen Terminen gar nicht da. Wenn er da ist, klingelt das Telefon. Und wenn wir mit der ganzen Familie sitzen, dreht sich das Gespräch früher oder später ohnehin wieder um die Gemeinde. Was mir heute mehr fehlt als früher? Die gemeinsame Zeit zu zweit. Sie ist deutlich weniger geworden. Aber genau das hat uns auch etwas Wichtiges gelehrt: Die Momente, die wir haben, gestalten wir bewusster. Sie sind wertvoller geworden. Deshalb ist mein Tipp an alle Bürgermeisterinnen und Bürgermeister: Gebt Acht auf bewusste Paarzeit – und seid in diesen Momenten wirklich da. Das ist nicht nur das größte Dankeschön, das wir euch für eure Arbeit geben können. Es ist auch für uns die schönste Form der Wertschätzung.Was mich am meisten überrascht hat, seit mein Mann im Amt ist? Wie wichtig meine eigene Community ist. Am Anfang war es nicht immer leicht, die Freizeit selbst zu gestalten. Heute weiß ich: Meine Freunde und meine Familie sind die wichtigste Stütze, die ich habe. Öffentliche Kritik bekomme ich bewusst wenig mit – ich konsumiere kaum Nachrichten, das ist mein Weg, damit umzugehen. Und wenn ich in der Gemeinde etwas höre, kann ich es einordnen. Ich weiß, dass er immer nach bestem Wissen und Gewissen handelt und für jede Entscheidung seine Gründe hat. Einmal aber hat mich etwas wirklich beschäftigt. Zu Beginn seiner Amtszeit gab es ein Gerichtsverfahren, das noch auf seinen Vorgänger zurückging. Dabei wurde relativ schnell die Grenze ins Private überschritten – das empfand ich nicht nur als unfair, sondern es wurde ab einem gewissen Punkt sogar beängstigend. Das ist die Seite des Amtes, über die selten gesprochen wird. Nicht die langen Abende, nicht die vollen Kalender – sondern die Momente, in denen das Öffentliche ins Privateste eindringt. Und man lernt: Man muss sich selbst schützen und eigenständig bleiben. Das ist kein Rückzug, das ist Voraussetzung.”

