Das Problem ist nicht Böswilligkeit. Eine KI kann von sich aus nicht zwischen „das weiß ich sicher” und „das könnte stimmen” unterscheiden. Sie hat keine eingebaute Quelle, in der sie nachsieht. Bei spezifischen rechtlichen, statistischen oder verfahrenstechnischen Fragen, wie sie in Gemeinden täglich vorkommen, geht das oft schief.
Ein Faktenchecker-Skill ist die elegante Antwort darauf. In der letzten Kolumne haben wir Skills allgemein vorgestellt – strukturierte Anweisungen mit Referenzdateien, die der KI eine klare Arbeitsweise vorgeben. Heute machen wir es konkret: Der Gemeinde-Faktencheck prüft Behauptungen aus dem Sachbearbeitungsalltag gegen autoritative österreichische Quellen und gibt eine klare Einschätzung zurück.
Das Ampel-Prinzip
Der Skill macht eine Sache, und die richtig. Er nimmt eine Behauptung, prüft sie, und meldet das Ergebnis als Ampel:
🟢 BESTÄTIGT — Quelle gefunden, Behauptung stimmt
🟡 TEILWEISE — Kern stimmt, aber Kontext oder Detail fehlt
🔴 FALSCH — Quelle widerspricht
⚪ NICHT PRÜFBAR — keine verlässliche Quelle gefunden
Dazu ein bis zwei Sätze Befund und der Link zur Quelle. Eine Sachbearbeiterin bekommt in zehn Sekunden eine Antwort, keinen Verwaltungsroman.
Zwei Differenzierungen sind wichtig: 🟡 ist im Gemeindealltag der häufigste Fall – eine Förderzusage stimmt im Grundsatz, aber der Prozentsatz ist veraltet; eine Statistik ist korrekt, aber von 2019. Und 🔴 ist nicht dasselbe wie ⚪: Eine widerlegte Behauptung ist etwas anderes als eine, zu der man keine Quelle findet.
Zuerst die Zuständigkeit, dann die Quelle
Bevor der Skill irgendeine Quelle aufschlägt, klärt er: Wer ist eigentlich zuständig? Bund, Land oder Gemeinde? Das klingt nach Verwaltungsbürokratie, ist aber entscheidend. Die häufigsten Faktencheck-Fehler entstehen aus Zuständigkeitsverwechslungen. Ein Bürger fordert von der Gemeinde etwas, das Landessache ist. Eine „österreichweite” Förderung kommt in Wahrheit vom Land – neun Mal mit unterschiedlichen Bedingungen. Ein „Bundesjugendschutzgesetz” existiert gar nicht. Sucht der Skill auf der falschen Ebene, findet er nichts oder Schlimmeres: etwas Ähnliches, das nicht passt.
Die Quellenhierarchie
Erst dann beginnt die Quellenrecherche, in fester Reihenfolge:
- RIS (ris.bka.gv.at) für alle Rechtsbehauptungen
- Statistik Austria für Zahlen
- Landesregierungen für Förderungen und landespolitische Zusagen
- Gemeindebund und KDZ für Gemeinde-Praxis
- APA-Faktencheck und Mimikama für virale Behauptungen
- ORF und APA-OTS für aktuelle Ereignisse und offizielle Aussendungen
Ein Prinzip ist hart durchgezogen: Primärquelle vor Sekundärquelle. Eine Pressemeldung über eine neue Verordnung reicht nicht für ein 🟢 – der Skill verlangt die Verordnung selbst.
Direkt mit RIS reden
Hier zeigt sich, wozu Skills wirklich fähig sind. Im Gemeinde-Faktencheck steckt ein kleines Programm, das direkt mit dem RIS spricht – nicht über die Webseite, nicht über die Google-Suche, sondern über eine offizielle Schnittstelle des RIS.
Wenn die KI eine Rechtsbehauptung prüft, fragt sie das RIS direkt ab und bekommt strukturierte Daten zurück: Titel des Gesetzes, geltende Fassung, Inkrafttretensdatum, Paragrafen, dazu die offizielle Direktverweisung. Das ist schneller, genauer und schließt eine der wichtigsten Halluzinationsquellen aus: Die KI muss sich keine Gesetzesnummern mehr „erinnern”, sie bekommt sie vom RIS. Genau das ist der Unterschied zwischen einem Skill und einem System-Prompt. Ein System-Prompt kann sagen: „Schau im RIS nach.” Ein Skill kann das tatsächlich tun.
Ein konkretes Beispiel
Ein Gemeindesekretär bekommt einen Newsletter mit der Behauptung: „Laut neuer Regelung müssen Gemeinden ab 1. Jänner 2026 alle Ausschreibungen über 50.000 Euro digital im RIS veröffentlichen, sonst sind sie nichtig.” Klingt plausibel. Stimmt es?
Der Skill extrahiert die Behauptung, klärt die Zuständigkeit (Vergaberecht, Bundessache), fragt das RIS direkt ab, prüft Bekanntmachungspflichten und Schwellenwerte. Ergebnis:
🔴 FALSCH
Befund: Die Behauptung enthält mehrere zentrale Fehler. Ausschreibungen werden in Österreich nicht im RIS veröffentlicht — RIS ist das Rechtsinformationssystem für Gesetze und Verordnungen. Bekanntmachungen erfolgen seit 2019 über data.gv.at und im EU-Bereich über TED. Der Schwellenwert von 50.000 Euro ist frei erfunden — relevant sind die Direktvergabegrenze (aktuell auf 143.000 Euro angehoben) und der EU-Schwellenwert. Eine BVergG-Novelle 2026 existiert tatsächlich, tritt aber am 1. März und 1. Oktober 2026 in Kraft, nicht am 1. Jänner.
Quelle: RIS — Bundesvergabegesetz 2018, geltende Fassung.
Kontext: Verstöße gegen Bekanntmachungspflichten führen nicht automatisch zur Nichtigkeit, sondern können nur auf Antrag eines übergangenen Bieters im Nachprüfungsverfahren festgestellt werden.
Vier konkrete Fehler in einem einzigen Satz und nebenbei der Hinweis, dass es eine echte Novelle gibt, die hier mit erfundenen Details vermischt wurde. Ohne den Skill hätte eine generische KI vermutlich eine plausibel klingende Bestätigung halluziniert, inklusive erfundener Verordnungsnummer und überzeugender Begründung.
Den Skill nutzen und anpassen
Der Gemeinde-Faktencheck steht auf playground.ikangai.com als ZIP zum Download bereit. Installation in Claude (ab Pro) oder ChatGPT (ab Team) dauert weniger als eine Minute. Sie können ihn unverändert nutzen oder erweitern. Öffnen Sie die Datei quellen.md und ergänzen Sie, was für Ihre Gemeinde relevant ist: lokale Förderportale, der Landesrechnungshof, regionale Datenquellen. Jede Ergänzung macht den Skill für Ihren Kontext genauer.
Bewusst weggelassen wurden: Antwortentwürfe für Bürger, politische Bewertungen, Prüfung interner Dokumente. Der Skill macht eine Sache und die gut. Andere Aufgaben gehören in andere Skills. Und auch hier gilt: Der beste Skill ersetzt nicht das eigene Nachsehen. Eine ⚪-Einstufung heißt nicht „falsch”, sondern „nachprüfen”. Ein 🟢 heißt nicht „blind übernehmen”, sondern „schau selbst nach, ob die Quelle zu deinem Fall passt”. KI denkt . Sie entscheiden. Auch hier.
Kleine Hausaufgabe für diese Woche
Laden Sie den Gemeinde-Faktencheck von playground.ikangai.com herunter und installieren Sie ihn in Claude oder ChatGPT. Nehmen Sie eine konkrete Behauptung aus Ihrem Arbeitsalltag – aus einem Newsletter, einer E-Mail, einer Bürgeranfrage – und lassen Sie den Skill darauf los. Achten Sie auf 🟡 und ⚪: genau dort liegen die interessanten Fälle.
KI KOMPAKT
Gemeinde-Faktencheck: Die wichtigsten Punkte
Output als Ampel: 🟢 BESTÄTIGT, 🟡 TEILWEISE (häufigster Fall!), 🔴 FALSCH, ⚪ NICHT PRÜFBAR. Plus Befund und Quellenlink.
Entscheidender erster Schritt: Zuständigkeit klären. Bund, Land oder Gemeinde? Die häufigsten Faktencheck-Fehler entstehen aus Zuständigkeitsverwechslungen.
Quellenhierarchie (fest verankert): RIS → Statistik Austria → Landesregierungen → Gemeindebund/KDZ → APA-Faktencheck/Mimikama → ORF/APA-OTS. Primärquelle vor Sekundärquelle.
Direktverbindung zum RIS: Der Skill ruft Rechtsdaten über eine offizielle RIS-Schnittstelle direkt ab – schneller, präziser, kein Risiko erfundener Gesetzesnummern.
Selbst anpassen: quellen.md öffnen, eigene relevante Quellen ergänzen.
Was er nicht macht: Keine Antwortentwürfe, keine politische Bewertung, keine internen Dokumente. Single Responsibility.
Zum Download: playground.ikangai.com – als ZIP installierbar in Claude (ab Pro) und ChatGPT (ab Team).
