Im November 2025 beschließt der Gemeinderat von Groß-Schweinbarth die Umwidmung für das Windkraftprojekt „Linaberg“ einstimmig. „Überzeugt davon, die verträglichste Lösung für die Bevölkerung erarbeitet zu haben.“, erzählt Bürgermeisterin Marianne Rickl-List. Wenige Monate später ist die Stimmung eine andere. Vier Windräder sollen im Hochleithenwald entstehen. Eine Bürgerinitiative formiert sich, mehr als 500 Unterschriften werden gesammelt – ein Initiativantrag fordert eine Volksbefragung. Der Widerstand richtet sich dabei nicht grundsätzlich gegen Windkraft, sondern vor allem gegen den Standort im Wald. Für die Gemeinde ist es ein kaum bewältigbarer Spagat, Projektbetreiber, Kritiker und Bevölkerung gleichzeitig „ins Boot zu holen“, sagt Rickl-List. Heute sei die Stimmung ruhiger, aber: „sowas geht nicht so schnell weg“.
Kein Widerstand bei früheren Projekten
Die Gegner kritisieren die Gemeinde vor allem wegen einer Sache: Die Bevölkerung sei zu wenig über das konkrete Projekt informiert worden. Interessantes Detail: In dem Gemeindegebiet gibt es bereits drei bestehende Windräder und zwei Anlagen in Bau – bei keinem davon hat es einen vergleichbaren Widerstand gegeben. Bürgermeisterin Marianne Rickl-List zieht eine Lehre daraus: früher informieren, früher einbinden.
Frühe Einbindung empfohlen
Genau das war auch eine zentrale Erkenntnis einer Großinfrastruktur-Konferenz des Österreichischen Gemeindebundes. Martin Ruhrhofer von der NÖ Dorf- und Stadterneuerung betonte, bei solchen Projekten gehe es „vor allem um Emotionen, weniger um Fakten“. Gemeinden sollten Projekte deshalb proaktiv angehen und Bürger möglichst früh einbinden. Bei komplexen Vorhaben könne auch professionelle Prozessbegleitung helfen.
Das gilt nicht nur für Windkraft. Aber bei Windrädern wird die Frage besonders sichtbar: „Windkraft ja – aber warum genau hier?“
Der Wald als Streitpunkt
In Traismauer sollen acht Windräder mit einer Gesamthöhe von rund 260 Metern in einem Waldgebiet entstehen. Auch dort hat sich eine Bürgerinitiative gegen das Projekt formiert. Sie betont, nicht grundsätzlich gegen Windkraft zu sein. Sie hält aber den Standort für falsch und verweist auf den Wald und ein dortiges Feuchtgebiet.
Der Windkraft-Betreiber argumentiert dagegen mit der Ausweisung des Gebiets als Windkraftzone und dem Abstand von mehr als 1.200 Metern zum Wohnbauland. Auch dort soll die Bevölkerung eingebunden werden. Der Konflikt zeigt: Selbst wenn alle erforderlichen Kriterien erfüllt sind, bleibt die Standortfrage emotional.
Beteiligung kann auch Nein bedeuten
Groß-Schweinbarth entschied sich nach der Kritik, proaktiv für Transparenz und Einbindung zu sorgen: Informationsabende wurden veranstaltet, viele Gespräche wurden geführt. Der Initiativantrag der Bürgerinitiative wurde zwar aufgrund eines Formalfehlers abgewiesen, politisch beschloss der Gemeinderat aber einstimmig eine Bürgerbefragung. „Uns war wichtig, so rasch wie möglich und so niederschwellig wie möglich die Bürgerinnen und Bürger zu befragen“, so Bürgermeisterin Rickl-List. Auch Informationen rund um Windkraft und das geplante Projekt wurden im Zuge der Befragung verbreitet.
Das überraschende Ergebnis: Die Bevölkerung von Groß-Schweinbarth spricht sich mehrheitlich für das Projekt Linaberg aus (58 Prozent). Mehr als zwei Drittel befürworten sogar eine stärkere Nutzung der Windkraft in der Gemeinde (68 Prozent).
Dass eine offene Informationsoffensive inklusive Beteiligung kein Garant für Zustimmung ist, zeigt die Waldviertler Gemeinde Burgschleinitz-Kühnring. Dort wurde trotz jahrelanger Information und Bürgerdialog über drei geplante Windräder abgestimmt. 423 Menschen stimmten dagegen, 410 dafür. Nur 13 Stimmen entschieden die Abstimmung.
Höflein zeigt die andere Seite
Wie aus anfänglichem Widerstand Zustimmung werden kann, zeigt wiederum der Fall Höflein. Die Gemeinde mit rund 1.200 Einwohnern hatte zunächst rund 600 Unterschriften gegen Windkraft. Bürgermeister Otto Auer setzte auf zwei Informationsveranstaltungen und erklärte vor allem den konkreten Nutzen für die Bevölkerung.
Heute stehen dort 31 Windräder. Die Gemeinde nimmt nach eigenen Angaben jährlich 500.000 bis 600.000 Euro ein. Eine Familie erhält rund 720 Euro Energieunterstützung pro Jahr. „Sie bringt zufriedene Bürger, sorgt für Regionalität und schafft erneuerbaren Strom“, sagt Auer. Höflein zeigt damit einen wichtigen Faktor: Die Bevölkerung muss erkennen können, was sie von einem Projekt hat.
Entschädigungen direkt an Bürger
Auch in Groß-Schweinbarth verspricht der Windkraft-Betreiber einen konkreten Nutzen für die Bürgerinnen und Bürger: Neben den Einnahmen der Gemeinde sind Vergünstigungen beim Strombezug und ein Netzkostenzuschuss für alle Haushalte geplant. Diese Vorteile wurden nun bereits vorgezogen und erhöht.
„Es reicht nicht, dass die Gemeinde profitiert“, sagt Rickl-List, und weiter: „Die Menschen müssen einen direkten Nutzen sehen“. Und auch der Betreiber trägt Verantwortung. Gemeinde und Projektentwickler müssten gemeinsam frühzeitig informieren und aufklären.
Was Gemeinden lernen können
Aus den verschiedenen Beispielen lassen sich einige Grundsätze ableiten:
- früh informieren, bevor Fronten entstehen;
- nicht nur Fakten liefern, sondern auch Emotionen und Ängste ernst nehmen;
- den konkreten Nutzen erklären und fair verteilen;
- Beteiligung wirklich ernst meinen – auch ein Nein muss akzeptiert werden;
- Betreiber und Bevölkerung gemeinsam ins Boot holen;
- bei schwierigen Projekten professionelle Prozessbegleitung nutzen.
Groß-Schweinbarth hat aus dem Konflikt eine neue Regel gemacht: Künftig soll die Bevölkerung bei Windkraftprojekten verpflichtend befragt werden. Der aktuelle Konflikt ist damit ruhiger geworden, aber nicht verschwunden.
Vielleicht liegt darin die wichtigste Lehre: Eine Gemeinde kann nicht jeden Konflikt verhindern. Sie muss aber den Menschen das Gefühl geben, dass sie über ihren Lebensraum mitentscheiden dürfen.



