Schenna liegt nur wenige Kilometer von Meran entfernt. Rund 7.000 Gästebetten gibt es im Ort. Die Hauptsaison reicht von Ostern bis Allerheiligen. Das bedeutet für die Gemeinde: Sie muss eine Infrastruktur organisieren, die nicht nur für 3.000 Einwohner funktioniert. Gleichzeitig darf das eigentliche Dorfleben nicht unter dem Tourismus verschwinden. Pichler betont deshalb neben dem Tourismus auch Landwirtschaft, Vereine und ehrenamtliches Engagement. „Wir sind ein sehr lebendiges Dorf.“
Die SVP als historische Sammelpartei
Politisch unterscheidet sich Südtirol von Österreich: Pichler gehört der Südtiroler Volkspartei an. In Schenna hält die Partei sämtliche 15 Gemeinderatsmandate. Das erklärt sich aus der besonderen Geschichte Südtirols. Die SVP entwickelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg als politische Sammelbewegung zur Vertretung der deutsch- und ladinischsprachigen Minderheit gegenüber dem italienischen Staat. Bis heute finden sich darin unterschiedliche politische Strömungen.
Das bedeutet: Auch wenn nur eine Partei im Gemeinderat vertreten ist, sind politische Diskussionen keineswegs ausgeschlossen.
Ein „Businessplan“ für ein Dorf
Pichler wollte ihre Amtszeit nicht allein vom Tagesgeschäft bestimmen lassen. Deshalb entstand das Dorfkonzept „Schenna weiterdenken“. Die Idee: „Wir möchten ein Dorfkonzept erstellen. Das Dorfkonzept soll praktisch unser Kompass sein“, erklärt die Ortschefin.

Eineinhalb Jahre dauerte die intensive Erarbeitung. 2022 wurde das Konzept fertiggestellt. Inzwischen umfasst es rund 150 Maßnahmen. Das Konzept ist kein unveränderliches Programm. Die Grundwerte und Leitlinien bleiben, konkrete Maßnahmen können angepasst werden. Das ist besonders relevant, weil sich die Herausforderungen einer Gemeinde verändern: Ein Thema, das vor fünf Jahren noch keine Rolle spielte, kann heute plötzlich Priorität haben.
Bürgerbeteiligung mit klaren Spielregeln
Einer der spannendsten Aspekte des Modells ist die Bürgerbeteiligung. Pichler ist überzeugt: „Jeder Bürger, jede Bürgerin ist Experte des eigenen Dorfes.“ Denn die Menschen leben täglich mit den Entscheidungen der Gemeinde. Sie wissen, wo Verkehrsprobleme entstehen, welche Angebote fehlen oder welche Veränderungen im Dorf ankommen.
Gleichzeitig bleibt der Gemeinderat verantwortlich, so die Bürgermeisterin. „Der Gemeinderat ist ja das gewählte Gremium der Gemeinde und die Beteiligung ist eine gute Ergänzung, kein Ersatz“.
Wie ein Bürgerrat in der Praxis funktioniert
Schenna hat dafür geloste Bürgerräte eingesetzt. Die Auswahl erfolgte aus dem Melderegister. Alter, Geschlecht und unterschiedliche Ortsteile sollten möglichst entsprechend der tatsächlichen Bevölkerungsstruktur berücksichtigt werden. Das Ziel: Nicht nur die ohnehin politisch aktiven Bürgerinnen und Bürger sollen zu Wort kommen. Denn genau darin sieht Pichler eine mögliche Schwäche klassischer Beteiligungsformen. Wer sich freiwillig zu einer Veranstaltung meldet, tut dies häufig, weil er besonders stark von einem Thema betroffen oder bereits organisiert ist.
Beim gelosten Bürgerrat soll das anders sein. Ganz reibungslos funktioniert es allerdings nicht. Die Gemeinde lud die ausgewählten Bürgerinnen und Bürger persönlich ein – und bekam zahlreiche Absagen. Es musste mehrfach nachgelost werden. Diejenigen, die schließlich teilnahmen, arbeiteten dafür intensiv mit. Zwei ganze Tage widmeten sie den Themen.
Für Bürgermeisterin Annelies Pichler hat sich das Modell bewährt. Sie möchte Bürgerräte allerdings nicht dauerhaft parallel zum Gemeinderat installieren, sondern anlassbezogen einsetzen.
Warum Südtirol bei den Gemeindefinanzen besser dasteht
Ein großer Unterschied zu den österreichischen Gemeinden liegt bei den finanziellen Rahmenbedingungen, denn Südtirols Gemeinden sind aufgrund der Autonomie vergleichsweise gut aufgestellt. Das Land kann eingenommene Mittel stärker selbst verwalten und auch vor Ort einsetzen. Das schafft Spielräume, die in anderen Regionen nicht in gleicher Weise vorhanden sind.
Trotzdem kennt auch Schenna die Probleme, die österreichische Bürgermeisterinnen und Bürgermeister beschäftigen: Bürokratie ist ein Thema. Laufende Kosten sind ein Thema. Und auch in Südtirol muss um ausreichende finanzielle Mittel für Gemeinden gerungen werden. Die Grenzen zwischen Österreich und Südtirol verschwimmen damit zumindest bei den kommunalen Alltagssorgen.
Herausforderungen als Chance sehen
Die Bürgermeisterin von Schenna sieht Herausforderungen dabei nicht ausschließlich als Belastung, sondern auch als Anstoß für Veränderung: „Immer wenn wir Herausforderungen haben, dann kann es ja auch zu einer Chance der Veränderung und der Neuausrichtung werden. Immer dann werden wir kreativer“, so Bürgermeisterin Annelies Pichler.
Bürgermeisterin zu sein bedeutet für sie, nahe an den Menschen zu sein. Das gilt in einem deutschsprachigen Dorf ebenso wie in einem mehrsprachigen Umfeld. Wenn Pichler italienischsprachige Bürgerinnen und Bürger trifft, begrüßt sie sie mit „Salve, buongiorno, come sta?“. Doch für sie geht es nicht nur um die Sprache. „Das Ohr nahe am Bürger zu haben, ihre Sprache zu sprechen.“
Damit meint sie auch, die Perspektive der Menschen zu verstehen und sie dort abzuholen, wo sie stehen. Der Blick nach Schenna zeigt: Südtirol hat aufgrund seiner Autonomie und seiner besonderen Geschichte eigene politische und finanzielle Rahmenbedingungen. Doch sobald man in den Alltag einer Gemeinde hineinblickt, werden die Gemeinsamkeiten deutlich.
Wie gewinnt man Menschen für politische Verantwortung? Wie hält man ein Dorf lebendig? Wie finanziert man Infrastruktur? Wie reduziert man Bürokratie? Und wie schafft man es, Bürgerinnen und Bürger einzubinden, ohne die Verantwortung der gewählten Gremien aufzugeben?
Die Antworten mögen unterschiedlich sein. Die Fragen sind erstaunlich ähnlich.



