KI-KOLUMNE: Der letzte Schritt fällt weg

In der letzten Kolumne hat die KI Ihnen einen Termin als Datei ausgegeben: „Erstelle einen Kalendereintrag für die Gemeinderatssitzung am 18. Juni, 19 Uhr." Heraus kam eine Kalenderdatei, die Sie dann selbst in Outlook geöffnet und gespeichert haben. Diesmal tippen Sie denselben Satz und der Termin steht einfach in Ihrem Kalender. Keine Datei, kein Öffnen, kein Importieren. Genau das war beim letzten Mal noch Handarbeit: Die KI erzeugte die Form, aber die Übergabe ins Zielprogramm machten Sie selbst. Dieser letzte Schritt fällt jetzt weg.

Ein Stecker für alle Programme

Wie geht das? Die KI ist diesmal mit Ihrem Kalender verbunden. Und damit eine KI sich überhaupt mit einem Programm verbinden kann, braucht es etwas Unscheinbares: einen gemeinsamen Anschluss.

Denken Sie an die Zeit vor USB-C. Jedes Gerät hatte sein eigenes Kabel, in der Schublade ein heilloses Durcheinander, und für jedes neue Gerät brauchte man wieder ein anderes. USB-C hat damit aufgeräumt: ein Stecker, der überall passt. Das Model Context Protocol, kurz MCP, ist der USB-C-Stecker für die KI. Ein einziger, offener Standard, an den sich jedes Programm anschließen kann – egal ob Kalender, Dokumentenablage oder E-Mail-Postfach.

„Offen” heißt: Der Standard gehört niemandem allein. Anthropic, der Hersteller von Claude, hat ihn Ende 2024 vorgestellt und frei zugänglich gemacht. Inzwischen wird er breit unterstützt – von Claude und ChatGPT bis zu den Werkzeugen von Microsoft. Jedes Programm, das mitmacht, baut einmal so eine Anschlussbuchse, und schon kann die KI sich einklinken.

Aus „hineinkopieren” wird „zusammenarbeiten”

Damit hört die KI auf, ein Programm zu sein, in das Sie etwas hineinkopieren und aus dem Sie etwas herauskopieren. Sie arbeitet auf einmal mit Ihren Programmen zusammen:

  • „Wann habe ich nächste Woche noch Zeit für ein Bürgergespräch?” – die KI sieht in Ihrem echten Kalender nach und antwortet.
  • „Such mir das Sitzungsprotokoll von der Märzsitzung.” – die KI durchsucht Ihre Ablage und legt es Ihnen vor.
  • „Fasse die letzten drei Nachrichten von der Landesregierung zusammen.” – die KI liest Ihren Posteingang.

Sie fragen nicht mehr „Wie mache ich das in diesem Programm?” und auch nicht mehr „Wohin kopiere ich das Ergebnis?”. Sie sagen, was Sie brauchen – den Rest erledigt die KI im Programm selbst.

Die neue Frage: Was darf die KI tun?

Solange die KI nur Text in ein Chatfenster geschrieben hat, gab es eine einzige Frage: Stimmt der Inhalt? Jetzt kommt eine zweite dazu, die es vorher gar nicht gab: Was darf die KI eigentlich selbst tun?

Dabei hilft eine einfache Unterscheidung: Lesen ist harmlos, Handeln ist heikel. Die KI darf gern in Ihren Kalender schauen oder ein Dokument suchen – dabei verändert sie nichts. Sobald sie aber etwas verschickt, veröffentlicht oder löscht, wirkt das nach außen.

Ein Beispiel: Verbinden Sie Claude mit Ihrem Gmail-Postfach, darf die KI Ihre Mails lesen und eine Antwort als Entwurf vorbereiten – abschicken kann sie nichts. Auf „Senden” drücken Sie. Immer. Und Sie bestimmen, welche Verbindungen überhaupt aktiv sind: Sie lassen sich einzeln ein- und ausschalten, je nach Aufgabe.

Datenschutz

Bisher haben Sie selbst entschieden, was Sie in die KI hineinkopieren. Eine verbundene KI greift auf Ihre echten Daten zu – und in einem Gemeinde-Postfach oder einer Aktenablage stecken Bürgerdaten. Es gilt also alles aus der Datenschutz-Kolumne weiter, nur mit höherem Einsatz:

  • Verbinden Sie sensible Quellen – Postfach, Aktenablage – niemals mit einer Gratis-Version, deren Eingaben ins Training fließen können. Hier zählt eine Business-Version mit Auftragsverarbeitungsvertrag (AV-Vertrag) noch mehr als sonst.
  • Verbinden Sie nur, was Sie wirklich brauchen, und schalten Sie es wieder ab, wenn die Aufgabe erledigt ist. Weniger ist sicherer.
  • Behandeln Sie eine solche Verbindung wie jeden anderen Zugang zu Bürgerdaten – abgestimmt mit Ihrer IT und Ihrem Datenschutzbeauftragten.

Wo Sie das finden

Bleibt die praktische Frage: Wo schalten Sie so eine Verbindung ein? Es gibt zwei Wege – und für den Gemeindealltag zählt vor allem der erste.

Der fertige Weg. Jedes große KI-Werkzeug führt einen Katalog mit gängigen Diensten, die schon vorbereitet sind – Google Kalender, Gmail und Drive, zunehmend auch Microsoft-Dienste. Sie öffnen den Einstellungsbereich, suchen den passenden Punkt (bei Claude heißt er „Konnektoren”, bei ChatGPT seit Kurzem „Apps”), wählen den Dienst, melden sich einmal mit Ihrem Konto an – fertig. Kein technisches Wissen nötig, und jede Verbindung lässt sich per Schalter wieder ausschalten. Das deckt fast alles ab, was im Büro anfällt.

Der Weg über die IT. Manches steht nicht im Katalog – ein eigenes Fachverfahren etwa oder eine interne Datenbank. Auch dafür lässt sich eine Verbindung einrichten: Man hinterlegt eine Adresse, hinter der das Programm seine Anschlussbuchse anbietet – genau das ist ein MCP. Für Kommunalnet gibt es bereits eine solche Anschlussbuchse, zu finden unter https://mcp-kommunalnet.ikangai.com/mcp. Ist sie hinterlegt, greift die KI direkt auf die letzten Kommunalnet-Beiträge zu – Sie fragen „Fass mir die neuesten Kommunalnet-Artikel zur Digitalisierung zusammen”, und die KI liest im aktuellen Bestand nach und antwortet, mit Link zur Quelle.

Damit schließt sich ein Bogen zu einer früheren Kolumne: Die „KI-Agenten”, über die wir gesprochen haben, werden erst durch solche Verbindungen handlungsfähig. Der Stecker ist die Voraussetzung dafür, dass aus einer KI, die mitdenkt, eine KI wird, die auch etwas erledigt.

Die Aufteilung bleibt dieselbe – nur deutlicher als je zuvor: Die KI kann jetzt in Ihre Programme hineingreifen; Sie entscheiden, in welche, und was sie dort verändern darf. KI denkt – Sie entscheiden.

Kleine Hausaufgabe für diese Woche

Zwei kleine Schritte. Erstens, überlegen Sie: Welches eine Programm würde Ihnen am meisten Hin-und-her-Kopieren ersparen, wenn die KI direkt hineingreifen könnte – der Kalender, die Dokumentenablage oder das Postfach?

Zweitens, schauen Sie nach: Öffnen Sie die Einstellungen Ihres KI-Werkzeugs und suchen Sie den Bereich für Verbindungen (bei Claude „Connectors”, bei ChatGPT „Apps”) um zu sehen, was schon angeboten wird. Falls Sie eine Business-Version haben, verbinden Sie zum Üben etwas Harmloses (Ihren eigenen Kalender) und stellen Sie eine reine Lesefrage: „Was steht nächste Woche in meinem Kalender?”

KI KOMPAKT

Die KI greift selbst zu – das Wichtigste

Das Prinzip: Bisher war die KI ein Übersetzer, der Ihnen ein fertiges Dokument in die Hand gegeben hat – den letzten Schritt ins Programm machten Sie selbst. Jetzt kann die KI direkt mit Ihren Programmen verbunden werden und diesen Schritt selbst erledigen.

Wie das geht – der „Stecker”: Ein offener Standard namens Model Context Protocol (MCP), salopp „USB-C für die KI”. Ein Programm bietet eine Verbindung an, die KI klinkt sich ein. Sie finden das im Einstellungsbereich Ihres Werkzeugs – bei Claude unter „Connectors”, bei ChatGPT unter „Apps”. Gängige Dienste (Kalender, Mail, Ablage) sind dort fertig hinterlegt; eigene Fachverfahren bindet die IT ein.

Sie sagen …Die KI …
„Trag die Sitzung am 18. Juni in meinen Kalender ein”trägt den Termin direkt ein
„Wann habe ich nächste Woche frei?”liest Ihren Kalender und antwortet
„Such das Sitzungsprotokoll vom März”durchsucht Ihre Ablage
„Bereite eine Antwort auf diese Mail vor”schreibt einen Entwurf – abschicken müssen Sie

Die zwei Fragen – beide betreffen, was die KI darf:

  • Lesen oder Handeln? Lesen (Kalender ansehen, Dokument suchen) ist harmlos. Handeln (senden, veröffentlichen, löschen) wirkt nach außen. Seriöse Werkzeuge fragen vor solchen Schritten – oder lassen den letzten Klick bei Ihnen (z. B. werden Mails vorbereitet, aber nicht verschickt).
  • Datenschutz: Eine verbundene KI greift auf echte Daten zu – auch Bürgerdaten. Sensible Quellen (Postfach, Ablage) niemals mit einer Gratis-Version verbinden. Für regelmäßige Nutzung: Business-Version mit AV-Vertrag. Und: nur verbinden, was Sie brauchen.

Die Faustregel: Die KI kann jetzt in Ihre Programme hineingreifen – Sie entscheiden, in welche und was sie verändern darf. KI denkt – Sie entscheiden.

Von: M.TREIBER (KIUMI – Die Agentur für Zusammenarbeit von KI und Mensch)

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