Historischer Irrtum: Das war die allererste Bürgermeisterin Österreichs!

Lange Zeit dachte man, die erste Bürgermeisterin Österreichs sei Maria Rothschedl gewesen. Doch das ist falsch – denn bereits 20 Jahre vor ihr gab es in Unzmarkt schon eine Bürgermeisterin: Franziska „Fanni“ Meisinger, vermutlich erste ihrer Art, wie Meinhard Brunner von der Historischen Landeskommission für Steiermark nachweisen konnte.

In Österreich gibt es aktuell 255 Bürgermeisterinnen. Auch wenn damit nur 12 Prozent der heimischen Gemeinden eine Frau an der Spitze haben, ist es heute nichts Außergewöhnliches, wenn eine Frau Bürgermeisterin wird. Das war nicht immer so. Die wichtigste Wegbereiterin für unsere Ortschefinnen war die erste Bürgermeisterin in der Geschichte Österreichs.

Nachforschungen zeigen neue Erkenntnisse

Lange Zeit galt Zenzi Hölzl, die ab 1948 die Gemeinde Gloggnitz leitete, als erste Bürgermeisterin. Später stellte sich heraus, dass Maria Rothschedl bereits 1946 in Oberhaag (Bezirk Leibnitz) zur Ortschefin gewählt wurde. Weit vor ihnen – nämlich mehr als 20 Jahre früher – gab es aber bereits eine, die allererste, Bürgermeisterin: Franziska Meisinger wurde nämlich schon 1923 in Unzmarkt (heute Teil der Gemeinde Unzmarkt-Frauenburg im Bezirk Murtal) in dieses Amt gewählt. Bereits 2008 wies Meinhard Brunner, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Historischen Landeskommission für die Steiermark, auf jene Franziska Meisinger als höchstwahrscheinlich erste Bürgermeisterin Österreichs hin.

Ehemann war zuvor Bürgermeister

Die 1862 in Vordernberg als Franziska Wentzel geborene Tochter eines Gemischtwarenhändlers heiratete 1880 den Mediziner Dr. Otto Meisinger. Das Ehepaar ließ sich in Unzmarkt nieder, wo Otto Meisinger als Gemeinde-, Bahn- und Werksarzt tätig war. Er engagierte sich in den folgenden Jahren auch als Ortsschulaufseher sowie Gründungsmitglied bzw. Hauptmann der Freiwilligen Feuerwehr Unzmarkt und war Gründungsobmann der Ortsgruppe des deutschnationalen (sogenannten) Schutzvereins „Südmark“. Nicht zuletzt fungierte Otto Meisinger ab 1889 als Bürgermeister von Unzmarkt.

Dr. Meisinger übte das Amt mit Unterbrechungen bis 1902 aus und verstarb am 7. Jänner 1903. Franziska Meisinger lebte auch nach dem Tod ihres Ehemannes in guten Verhältnissen – so viel ist überliefert. Im Mai 1904 verbrachte sie etwa einen Kuraufenthalt in Franzensbad/Františkovy Lázně (heute Tschechien). Wir finden sie in den folgenden Jahren auch wiederholt als Gast in namhaften Grazer Hotels.

Engagierte Gemeindebürgerin und Ehrenamtliche

Außer Streit steht, dass Meisinger im Gemeindeleben eine angesehene Stellung einnahm, wie sich schon aus ihrer prominenten Rolle bei den Fahnenweihen örtlicher Vereine erschließt. Während des Ersten Weltkrieges übertrug man ihr die Leitung der Ausgabestelle für Grundnahrungsmittel, welche von der Gemeinde Unzmarkt 1916 im Turnsaal der Volksschule eingerichtet wurde, um die prekäre Ernährungslage zu lindern.

Mit anderen Worten: Franziska Meisinger war in Unzmarkt keine Unbekannte, als am 27. Juli 1919 zur Gemeinderatswahl geschritten wurde. Hier ergab sich bei der Auszählung mit jeweils fünf Mandaten ein Gleichstand von Sozialdemokraten (199 Stimmen) und Wirtschaftspartei (187 Stimmen). Franziska Meisinger zog für die Wirtschaftspartei in den Gemeinderat ein. Bei der konstituierenden Sitzung am 11. August 1919 wurde sie zur zweiten Stellvertreterin des neuen Bürgermeisters, ihres Listenkollegen Dr. Raimund Baudisch, gewählt.

Turbulenzen im Gemeinderat

Als zweite Vizebürgermeisterin musste Meisinger erleben, wie es in der Gemeindepolitik von Unzmarkt drunter und drüber ging. Denn: Bürgermeister Baudisch legte sein Amt schon bald nach Antritt nieder und wurde vorübergehend durch den Sozialdemokraten Georg Wittmann ersetzt. Doch auch dieser zog sich nach kurzer Zeit zurück. Am 15. November 1919 wurde wieder Raimund Baudisch Bürgermeister.

Mitverantwortlich für das mühsame Klima in der Gemeindestube waren andauernde Quertreibereien aus dem Umfeld der Wirtschafspartei. Dabei ging es vor allem um die Servitute (Nutzungsrechte bei Holzentnahme, Viehtrieb) im sogenannten „Bürgerwald“ von Unzmarkt. Auch Franziska Meisinger geriet ins Visier solcher Störfeuer, sodass sie ihr Mandat Ende 1922 schon aufgeben wollte. Dieser Wunsch wurde jedoch vom Gemeinderat einstimmig abgelehnt.

In der Hoffnung auf ruhigere Zeiten hatte man im Juni 1921 sogar den Altbürgermeister wieder im Amt installiert – doch auch dieser trat keine zwei Jahre später Anfang Februar 2023 zurück. Auch wenn der Auslöser diesmal ein Konflikt innerhalb der sozialdemokratischen Fraktion war, der sogar Prüfungen der BH Judenburg und der Landesregierung in Graz nach sich zog, führte dies zu einer interessanten Situation: Der SP-Kandidat Georg Wittmann, der selbst Beschwerde bei den Behörden eingebracht hatte, wollte selbst nicht Bürgermeister sein und übergab die kommunale Führungsaufgabe interimistisch an niemand anderen als die zweite Bürgermeisterstellvertreterin – wohlgemerkt von der Wirtschaftspartei -, die keine andere war als Franziska Meisinger. Sie leitete also de facto ab 19. März 1923 die Geschicke der Gemeinde Unzmarkt.

Am 30. Mai 1923 wurde „Frau Fanni Meisinger, bisher Vice-Bürgermeister, einstimmig mit Acclamation zum Bürgermeister der Marktgemeinde Unzmarkt gewählt“, wie es im Gemeinde-Protokoll steht. Nach Annullierung der „Wahl per Zuruf“ durch die Landesregierung wurde Meisinger am 2. August 2023 nunmehr korrekt mittels Stimmzetteln zur Bürgermeisterin gewählt.

Eine Wegbereiterin, die man differenziert sehen darf

Fast ein Jahr lang stand Franziska Meisinger an der Spitze von Unzmarkt. Ihre Amtszeit und auch die Turbulenzen im Gemeinderat spiegelten die unsichere gesamtpolitische Lage der 1920er Jahre wider, die von starker Inflation geprägt waren. Abgesehen davon gestalteten sich die kommunalpolitischen Herausforderungen der wohl ersten Bürgermeisterin Österreichs nicht viel anders als man sie auch heute kennt: Gemeindefinanzen, Kommunalsteuern, Infrastruktur (Wasser, Strom, Straßen), Schule, Heimatrecht/Heimatverband, Armenfürsorge, Gemeindepersonal sowie die Nutzung des Bürgerwaldes.

Am 19. Februar 1924 fand die 15. und zugleich letzte Gemeinderatssitzung unter der Leitung von Franziska Meisinger statt. Wenige Tage später legte sie ihr Mandat nieder und zugleich zogen sich drei weitere Vertreter der Wirtschaftspartei aus dem Unzmarkter Ortsparlament zurück. Warum, lässt sich heute nicht mehr eruieren. Bei der nächsten Gemeinderatswahl im Mai 1924 kandidierte sie nur mehr als nachrangiges Ersatzmitglied der Einheitsliste.

Franziska Meisinger starb am 17. April 1937 im 75. Lebensjahr in Unzmarkt. Aus ihrem Nachruf in der „Murtaler Zeitung“ geht hervor, dass die vermutlich erste Frau an der Spitze einer österreichischen Gemeinde weltanschaulich deutschnational gesinnt war. Zugleich werden auch ihre Verdienste für die Gemeinde und die örtlichen Vereine betont. Auf ihrem Grabstein am Unzmarkter Friedhof steht von ihren eigenen Leistungen leider nichts – sondern lediglich „Arztenswitwe“.

Von: Redaktion (Quelle: Meinhard Brunner, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Historischen Landeskommission für Steiermark)

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