Künstliche Intelligenz

09.03.2026

KI-KOLUMNE: Vom Ausprobieren zum echten Können – was KI-Kompetenz wirklich bedeutet

Stellen Sie sich zwei Gemeindemitarbeiter vor, die beide seit einem Jahr ChatGPT nutzen. Der Erste öffnet das Tool, gibt die Frage ein, kopiert die Antwort – fertig. Der Zweite macht dasselbe, aber dann hakt er nach, stellt fest dass eine Information fehlt, korrigiert den Kurs, hinterfragt das Ergebnis. Beide „nutzen“ KI. Aber nur einer arbeitet wirklich mit ihr. Dieser Unterschied hat einen Namen: KI-Kompetenz – oder, wie Forscher es nennen, AI Fluency. Dass viele KI zwar nutzen, aber noch nicht wirklich beherrschen, zeigt sich auch in einem anderen Befund: so berichten 86% der Beschäftigten von Zeitersparnis durch KI – aber 69% verbergen ihre Nutzung vor Kollegen. Das deutet auf Unsicherheit hin, nicht auf echte Kompetenz.

Warum „Ich nutze KI schon“ nicht reicht

Anthropic – das Unternehmen hinter Claude – hat dazu am 23. Februar 2026 eine aufschlussreiche Studie veröffentlicht: den AI Fluency Index. Dabei analysierten Forscher 9.830 echte KI-Gespräche und suchten nach konkreten Verhaltensmustern, um gute von weniger guter KI-Nutzung zu unterscheiden. Das Ergebnis: die meisten Menschen nutzen KI, aber nur ein Teil davon nutzt sie kompetent. Die gute Nachricht: Kompetenz ist erlernbar. Sie ist kein Talent, sondern ein Handwerk.

Das 4D-Framework: Was Kompetenz ausmacht

Als Messinstrument verwendeten die Forschenden das 4D AI Fluency Framework. Die vier Ds stehen für:

  • Delegation (was übergebe ich der KI?)
  • Description (wie präzise beschreibe ich mein Ziel?)
  • Discernment (wie kritisch prüfe ich das Ergebnis?) und
  • Diligence (wie verantwortungsvoll gehe ich damit um?)

Aus diesen vier Bereichen leiteten die Forschenden 24 konkrete Verhaltensweisen ab, von denen 11 direkt in KI-Gesprächen beobachtbar sind. Genau diese 11 wurden in der Studie gemessen.

Drei Muster, die den Unterschied machen

  • Im Gespräch bleiben, nicht beim ersten Ergebnis aufhören

    In 85,7 % der Gespräche haben die Nutzer nachgefragt und Antworten weiter verbessert, statt nur die erste Antwort zu nehmen. Dadurch zeigen sie deutlich mehr Kompetenz. Beim kritischen Denken sieht man den größten Unterschied: Nutzer, die nachfragen, prüfen die Begründung der KI häufiger und merken auch häufiger, wenn wichtiger Kontext fehlt. Fazit: Wer mit der KI im Dialog arbeitet und nachhakt, denkt kritischer und nutzt sie deutlich kompetenter.

    Für den Gemeindekontext heißt das: Wenn Sie einen Bescheidentwurf von der KI bekommen, der ordnungsgemäß klingt – fragen Sie nach. „Was könnte an diesem Text missverstanden werden?“ oder „Welche Einwände könnte ein Bürger dagegen haben?“ Der erste Entwurf ist der Anfang, nicht das Ende.

  • Polierte Ergebnisse kritisch betrachten – gerade dann

    Wenn die KI etwas besonders Fertiges produziert – einen ausformulierten Text, ein funktionierendes Dokument, eine Vorlage – sinkt die kritische Prüfung der Nutzer. Fehlender Kontext wird dadurch seltener identifiziert und das Reasoning seltener hinterfragt. Das ist menschlich nachvollziehbar, birgt aber ein Risiko. Denn genau bei komplexen Aufgaben produziert die KI am häufigsten Fehler und dort sehen die Ergebnisse trotzdem überzeugend aus. Eine selbstbewusst formulierte Gemeindeinformation, die einen sachlichen Fehler beinhaltet, ist schlimmer als ein erkennbar unvollständiger Entwurf.

    Die Faustregel: Je fertiger etwas aussieht, desto genauer hinschauen. Stimmen die Fakten? Fehlt etwas Wesentliches? Klingt das so, wie Ihre Gemeinde tatsächlich kommuniziert?

  • Der KI sagen, wie sie mit Ihnen arbeiten soll

    In nur 30 % der analysierten Gespräche haben die Nutzer der KI erklärt, wie sie interagieren sollen. Das ist eine einfache Stellschraube mit großer Wirkung. Konkrete Formulierungen, die Sie direkt verwenden können:

    „Wenn du unsicher bist, sag mir das – erfinde nichts.“
    „Erkläre mir deine Überlegung, bevor du das Ergebnis gibst.“
    „Wenn meine Annahme falsch ist, widersprich mir bitte.“

    Das klingt simpel. Aber es verändert, wie die KI antwortet und wie Sie mit der Antwort umgehen.

Was das für Gemeinden bedeutet

Viele Gemeinden stehen gerade vor einer stillen Weichenstellung: Wird KI zum echten Arbeitswerkzeug oder bleibt es beim gelegentlichen Ausprobieren? Der Unterschied liegt weniger in der Technologie als in der Haltung. Wer KI als Gesprächspartner versteht, der Entwürfe liefert und auf Widerspruch wartet, nutzt sie anders als jemand, der auf eine Antwort hofft und sie dann ungeprüft übernimmt.

Die Studie zeigt auch: Diese Kompetenz entwickelt sich nicht automatisch mit der Zeit. Mehr Nutzung allein macht nicht kompetenter. Was hilft, ist bewusste Reflexion – das Hinterfragen der eigenen Arbeitsweise mit der KI, genauso wie man die Ausgaben der KI hinterfragt.

Kleine Hausaufgabe für diese Woche

Nehmen Sie das nächste KI-Ergebnis, das Sie bekommen und stellen Sie eine einzige Zusatzfrage: „Was könnte an dieser Antwort falsch oder unvollständig sein?“ Schauen Sie, was die KI antwortet. Und dann entscheiden Sie selbst, ob sie Recht hat.

Das ist KI-Kompetenz. Kein Kurs, keine Zertifizierung – nur eine Frage mehr.

KI KOMPAKT

KI-Kompetenz (AI Fluency): Was steckt dahinter?

Anthropic hat kürzlich 9.830 KI-Gespräche analysiert. Die Grundlage: das 4D AI Fluency Framework mit vier Kompetenzbereichen für effektive, sichere KI-Nutzung: Delegation, Description, Discernment, Diligence.

Iteration schlägt alles: Wer mit der KI in mehreren Runden arbeitet, zeigt doppelt so viele Kompetenz-Verhaltensweisen (2,67 vs. 1,33). Erste Antworten sind Entwürfe, keine Ergebnisse.

Polierte Ausgaben sind eine Falle: Je fertiger ein KI-Ergebnis aussieht, desto weniger wird es hinterfragt – obwohl komplexe Ergebnisse häufiger Fehler enthalten. Gegenmaßnahme: Gerade bei fertigen Texten gezielt nach Fehlern suchen.

Der KI Spielregeln geben: Nur in 30 % der Gespräche sagen Nutzer der KI, wie sie arbeiten soll. Hilfreiche Formulierungen: „Wenn du unsicher bist, sag das.“ / „Widersprich mir, wenn meine Annahme falsch ist.“

KI-Kompetenz ist kein Talent: Sie wächst durch bewusste Nutzung und nicht automatisch durch Häufigkeit.

Die drei Kernfragen nach jedem KI-Ergebnis:
1. Stimmen die Fakten?
2. Fehlt etwas Wesentliches?
3. Klingt das wie wir oder wie eine KI?

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