Künstliche Intelligenz

30.03.2026

KI-KOLUMNE: Wie KI von Ihnen lernt – Memory bei ChatGPT und Claude

Sie öffnen morgens ChatGPT und tippen: „Schreib eine Presseaussendung über unser Sommerfest.“ Keine weitere Erklärung. Und die KI schreibt los – im richtigen Ton, mit dem Namen Ihrer Gemeinde, im Format, das Sie mögen. Weil sie sich erinnert. An Ihre letzte Presseaussendung, an Ihren Schreibstil, an die Tatsache, dass Sie in einer 3.000-Einwohner-Gemeinde in Niederösterreich arbeiten.

Bis vor kurzem war jedes Gespräch mit einer KI wie ein Gespräch mit einem brillanten, aber völlig vergesslichen Gegenüber. Sie konnten eine Stunde lang an einem Text arbeiten – aber wenn Sie am nächsten Tag wiederkamen, war alles weg. Sie mussten jedes Mal von vorne erklären, wer Sie sind, was Sie brauchen, wie Sie arbeiten.

Das hat sich geändert. Sowohl ChatGPT als auch Claude haben inzwischen eine Memory-Funktion.

ChatGPT: Der aufmerksame Beobachter

ChatGPT verfolgt einen umfassenden Ansatz wo sich das System nicht nur Dinge merkt, die Sie ihm ausdrücklich sagen („Merk dir, dass ich vegetarisch bin“), sondern kann bei Bezahlversionen auch automatisch Ihren gesamten Chatverlauf auswerten. Daraus baut es ein Profil auf – Ihre Vorlieben, Ihren Arbeitsstil, Ihre Interessen.

Das funktioniert in zwei Schichten: „Saved Memories“ (gespeicherte Erinnerungen) sind Details, die Sie explizit anlegen oder die ChatGPT automatisch speichert – zum Beispiel Ihren Namen oder Ihre Rolle. „Chat History“ (Chatverlauf referenzieren) geht weiter: Hier wertet ChatGPT alle vergangenen Gespräche aus und leitet daraus Muster und Präferenzen ab. Wichtig: Diese zweite Ebene ist nur für zahlende Nutzer (Plus und Pro) verfügbar – wer die Gratis-Version nutzt, bekommt nur die gespeicherten Erinnerungen.

Praktisch bedeutet das: Wenn Sie ChatGPT Plus oder Pro regelmäßig nutzen, wird es mit der Zeit immer besser darin, Ihren Ton zu treffen. Sie können Ihre Erinnerungen jederzeit einsehen, einzeln löschen oder ChatGPT bitten, etwas zu vergessen – die Kontrolle ist also da. Die Herausforderung ist eher: ChatGPT sammelt automatisch und proaktiv. Sie müssen also regelmäßig nachschauen, was sich angesammelt hat.

Wer verschiedene Themenbereiche trennen will, hat bei ChatGPT Plus allerdings nur begrenzte Möglichkeiten: Projekte können zwar Chats und Dateien bündeln, aber die Option, den Speicher auf ein einzelnes Projekt zu beschränken („Project-only Memory“), ist nur in den Business- und Enterprise-Versionen verfügbar. Auf Plus-Accounts bleibt die Einstellung auf „Standard“ gesperrt – Ihre allgemeinen Erinnerungen fließen also auch in Projekte ein.

Ein weiterer Datenschutz-Punkt, der oft übersehen wird: Wenn bei ChatGPT die Einstellung „Das Modell für alle verbessern“ aktiviert ist, können auch Ihre gespeicherten Erinnerungen für das Training der KI verwendet werden. Diese Einstellung sollten Sie unter Einstellungen > Datenkontrollen prüfen und gegebenenfalls deaktivieren. Bei Business-, Enterprise- und Edu-Accounts ist das standardmäßig ausgeschaltet.

Sie können jederzeit fragen: „Was weißt du über mich?“ ChatGPT zeigt Ihnen dann eine Zusammenfassung. Einzelne Erinnerungen können Sie löschen, und für sensible Gespräche gibt es den „Temporary Chat“ – ein Gespräch, das keine Erinnerungen erzeugt oder nutzt.

Claude: Das kontrollierte Notizbuch

Claude geht bewusst anders vor. Statt automatisch ein umfassendes Profil aufzubauen, setzt Claude auf mehr Nutzerkontrolle und lässt Sie über getrennte Schalter die Memory-Funktion in den Einstellungen ein- und ausschalten.

Die erste Funktion ist der Speicher (Memory aus Chatverlauf generieren). Claude fasst Ihre Gespräche automatisch zusammen und erstellt eine strukturierte Synthese – gegliedert in Kategorien wie „Rolle & Arbeit“, „Aktuelle Projekte“ oder „Persönliche Inhalte“. Diese Zusammenfassung wird alle 24 Stunden aktualisiert und fließt als Kontext in jedes neue Gespräch ein. Sie können die Zusammenfassung jederzeit einsehen und bearbeiten – Sie sehen also genau, was Claude über Sie „weiß“. Und wenn Sie nicht auf das nächste Update warten wollen, können Sie Claude auch direkt im Chat sagen: „Merk dir, dass …“ – die Änderung wird sofort wirksam. Der Speicher ist für alle Claude-Nutzer verfügbar, auch in der Gratis-Version.

Die zweite Funktion ist die Chat-Suche (Chats durchsuchen und referenzieren). Damit kann Claude gezielt in Ihren früheren Gesprächen nach relevanten Informationen suchen – etwa wenn Sie fragen: „Worüber haben wir letzte Woche gesprochen?“ Diese Funktion ist nur für zahlende Nutzer (Pro, Max, Team, Enterprise) verfügbar.

Ein besonderes Merkmal für Einzelnutzer: Bei Claude Projects – das sind thematisch getrennte Arbeitsbereiche – hat jedes Projekt seinen eigenen Speicher und eine eigene Zusammenfassung. Was Sie in einem Projekt besprechen, beeinflusst ein anderes nicht. Das ist praktisch, wenn Sie verschiedene Themenbereiche bearbeiten und nicht möchten, dass Informationen aus dem einen in den anderen Bereich „überschwappen“.

Zwei Philosophien im Vergleich

Beides hat Vor- und Nachteile. ChatGPTs Ansatz ist bequemer: Die Personalisierung passiert automatisch, Sie müssen sich um nichts kümmern – sollten aber regelmäßig prüfen, was sich angesammelt hat. Claudes Ansatz ist transparenter von Anfang an, erfordert aber auch mehr Eigeninitiative. Ein Vorteil von Claude für Einzelnutzer: Projekte haben dort jeweils eigenen, getrennten Speicher – bei ChatGPT ist diese Isolation nur in Business- und Enterprise-Versionen verfügbar. Übrigens: Wer ChatGPT Enterprise oder Edu nutzt, bekommt die Chat-History-Funktion derzeit noch gar nicht – dort funktionieren nur die expliziten Saved Memories.

Memory macht KI-Assistenten deutlich nützlicher im Arbeitsalltag – aber nur, wenn Sie die Funktion bewusst einsetzen:

Prüfen Sie regelmäßig, was gespeichert wird. Bei ChatGPT fragen Sie direkt im Chat: „Was weißt du über mich?“ Bei Claude finden Sie die Memory-Zusammenfassung in den Einstellungen. Löschen Sie, was nicht dort sein sollte.

Trennen Sie Berufliches und Privates. Bei Claude können Sie mit getrennten Projekten arbeiten – jedes Projekt hat seinen eigenen Speicher. Bei ChatGPT Plus ist diese Isolation nicht verfügbar; nutzen Sie dort den „Temporary Chat“ für private Anfragen oder verwenden Sie separate Accounts für Berufliches und Privates.

Memory verstärkt die Datenschutz-Relevanz. Alles, was wir in der Datenschutz-Kolumne besprochen haben, gilt hier erst recht: Keine personenbezogenen Daten in die KI – schon gar nicht in einer Form, die dauerhaft gespeichert wird. Nutzen Sie für sensible Gespräche den Inkognito- bzw. Temporary-Modus.

Gestalten Sie die Memory aktiv. Der größte Nutzen entsteht, wenn Sie der KI gezielt sagen, was sie sich merken soll. Zum Beispiel: „Merk dir: Unsere Presseaussendungen beginnen immer mit dem Gemeindenamen und enden mit den Kontaktdaten der Pressestelle.“ Oder: „Merk dir: Bürgerantworten sollen immer einen konkreten nächsten Schritt enthalten.“ Je besser Ihre gespeicherten Vorgaben, desto weniger müssen Sie bei jeder Anfrage erklären.

Kleine Hausaufgabe für diese Woche Öffnen Sie Ihren KI-Assistenten und fragen Sie ihn: „Was weißt du über mich?“ Schauen Sie sich an, was gespeichert ist. Löschen Sie, was nicht dort sein sollte. Und dann sagen Sie der KI bewusst etwas, das sie sich merken soll – zum Beispiel Ihren bevorzugten Schreibstil oder eine häufig benötigte Formulierung. Erleben Sie den Unterschied zwischen einer KI, die bei null anfängt, und einer, die Ihren Arbeitskontext kennt.

KI KOMPAKT

Memory bei KI-Assistenten

Was ist Memory? ChatGPT und Claude können sich Informationen über Gespräche hinweg merken – Vorlieben, Arbeitsstil, wiederkehrende Aufgaben. Sie müssen nicht mehr jedes Mal von vorne erklären, wer Sie sind und wie Sie arbeiten.

ChatGPT: Automatisch und umfassend. Zwei Ebenen: explizite „Saved Memories“ (für alle Nutzer) und automatische Auswertung des Chatverlaufs – „Chat History“ (nur für Plus und Pro, nicht für Gratis-Nutzer). Bequem, sammelt aber proaktiv – regelmäßig prüfen, was gespeichert wurde. „Project-only Memory“ (isolierter Projektspeicher) nur in Business/Enterprise-Versionen verfügbar. Kontrolle: „Was weißt du über mich?“ fragen, Erinnerungen einsehen und löschen, „Temporary Chat“ für Gespräche ohne Memory nutzen. Achtung: Wenn „Modell für alle verbessern“ aktiviert ist, können auch Erinnerungen fürs Training verwendet werden – unter Einstellungen > Datenkontrollen prüfen!

Claude: Opt-in und strukturiert. Zwei getrennte Funktionen: Der Speicher fasst Gespräche automatisch zusammen (alle 24h aktualisiert, für alle Nutzer inkl. Gratis). Die Chat-Suche durchsucht frühere Gespräche gezielt (nur für bezahlte Pläne). Erinnerungen sind in Kategorien gegliedert, jederzeit einsehbar und editierbar. Vorteil für Einzelnutzer: Jedes Projekt hat eigenen, getrennten Speicher – bei ChatGPT nur in Business/Enterprise-Versionen möglich. Inkognito-Modus für Gespräche ohne Speicherung. Import von ChatGPT-Erinnerungen möglich.

Datenschutz-Hinweis: Memory speichert Informationen dauerhaft – das verstärkt alles, was für einzelne Chats gilt. Keine personenbezogenen Daten in die KI eingeben. Für sensible Gespräche: Temporary Chat (ChatGPT) oder Inkognito-Modus (Claude) verwenden. Berufliche und private Nutzung trennen.

Praktischer Tipp: Gestalten Sie Memory aktiv. Sagen Sie der KI gezielt, was sie sich merken soll – Schreibstil, Formate, wiederkehrende Anforderungen. Das spart bei jeder künftigen Anfrage Zeit und verbessert die Ergebnisse.

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