Sie kennen das vielleicht: Gestern haben Sie der KI einen Prompt gegeben und die Antwort war perfekt. Heute geben Sie exakt denselben Prompt ein, Wort für Wort und bekommen etwas anderes. Nicht schlecht, aber anders. Was ist da passiert? Hat die KI vergessen, was sie gestern gesagt hat? Ist sie launisch? Oder haben Sie etwas falsch gemacht?
Die KI würfelt – bei jedem einzelnen Wort
Um zu verstehen, warum KI-Antworten variieren, hilft ein Blick hinter die Kulissen. Eine KI baut einen Text Wort für Wort auf. Bei jedem Wort hat sie mehrere Optionen – und wählt eine davon aus. Nicht zufällig, aber auch nicht immer gleich. Es ist eher wie ein gewichteter Würfel: Manche Wörter sind wahrscheinlicher als andere, aber es ist nicht vorherbestimmt, welches am Ende fällt.
Wenn die KI zum Beispiel den Satz beginnt „Sehr geehrter Herr Müller, vielen Dank für Ihre…“ – dann ist „Nachricht“ sehr wahrscheinlich. Aber auch „Anfrage“, „Rückmeldung“ oder „Mail“ sind Optionen. Welches Wort die KI in diesem Moment wählt, beeinflusst den gesamten weiteren Verlauf des Textes. Es ist wie eine Wanderung: Wenn Sie an der ersten Gabelung links statt rechts gehen, landen Sie am Ende woanders – auch wenn Sie zum selben Gipfel wollten.
Technisch nennt man diesen Zufallsfaktor „Temperatur“. Eine hohe Temperatur bedeutet mehr Variation, eine niedrige mehr Vorhersagbarkeit. Bei den meisten KI-Tools ist dieser Wert so eingestellt, dass die Antworten nützlich und abwechslungsreich sind – aber eben nicht identisch.
Kein Fehler, sondern ein Feature
Das klingt auf den ersten Blick unpraktisch. Aber eigentlich ist es ein Vorteil wenn man ihn bewusst nutzt. Denn stellen Sie sich vor, die KI würde immer exakt dasselbe antworten. Die Stärke der KI liegt gerade darin, dass sie variiert und Ihnen verschiedene Perspektiven, Formulierungen und Ansätze anbieten kann. Ein konkretes Beispiel: Sie brauchen eine Einleitung für den Gemeinde-Newsletter. Geben Sie denselben Prompt dreimal ein und Sie erhalten drei verschiedene Varianten. Vielleicht ist die erste zu förmlich, die zweite zu locker – aber die dritte ist genau richtig. Sie haben sich in einer Minute drei Entwürfe geholt, aus denen Sie wählen können. Das ist kein Softwarefehler, das ist Brainstorming mit der KI.
Wann Variation stört und was Sie dagegen tun können
Natürlich gibt es Situationen, in denen Sie Konsistenz brauchen. Wenn Ihre Gemeinde zum Beispiel eine Standard-Antwort auf häufige Bürgeranfragen entwickelt hat und möchte, dass die KI diese immer in der gleichen Struktur liefert, sind wechselnde Formulierungen eher hinderlich. Hier gilt: Je präziser Ihr Prompt ist, desto weniger Spielraum hat die KI zum Variieren. Das kennen Sie schon aus unserer ersten Kolumne zum Thema Prompting – und hier zeigt sich, warum das so wichtig ist.
Vergleichen Sie:
Vager Prompt: „Schreib eine Antwort auf eine Beschwerde über Straßenlärm.“
→ Jedes Mal eine andere Struktur, anderer Ton, andere Länge.
Präziser Prompt: „Schreib eine höfliche Antwort an einen Bürger, der sich über Straßenlärm durch eine Baustelle beschwert. Drei Absätze: (1) Dank für die Meldung, (2) Erklärung, dass die Baustelle bis Ende März dauert und die Gemeinde die Lärmbelastung im Blick hat, (3) Kontaktmöglichkeit bei weiteren Fragen. Sachlich-warmherzig, per Sie.“
→ Die Variationen beschränken sich auf einzelne Formulierungen. Die Struktur und der Inhalt bleiben stabil.
Die Faustregel: Wenn Sie reproduzierbare Ergebnisse brauchen, ist die Lösung den Prompt zu schärfen.
Von der Einzelantwort zur Vorlage
Für den Gemeindealltag gibt es noch einen praktischen Trick: Wenn Sie einmal eine KI-Antwort bekommen, die genau passt, speichern Sie nicht nur die Antwort – speichern Sie den Prompt dazu. So bauen Sie sich nach und nach eine Sammlung von bewährten Prompts auf, die Ihre Gemeinde immer wieder verwenden kann. Das ist nichts anderes als das, was man im KI-Bereich eine „Prompt-Bibliothek“ nennt.
Ein Beispiel: Ihre Gemeinde bekommt regelmäßig Anfragen zur Müllabfuhr, zu Öffnungszeiten oder zur Anmeldung von Veranstaltungen. Für jede dieser Kategorien erstellen Sie einen Prompt, der Struktur, Ton und Inhalt genau vorgibt. Ihre Kolleginnen und Kollegen müssen dann nur noch die spezifischen Details einsetzen – und die KI liefert jedes Mal ein Ergebnis, das in die gleiche Richtung geht.
Damit haben Sie das Beste aus beiden Welten: die Effizienz der KI und die Konsistenz, die Ihre Gemeinde braucht.
Zurück zu unserem Szenario
Und der perfekte Entwurf von gestern? Der ist nicht verloren, er war eine von vielen möglichen Varianten – und eine besonders gute. Wenn Sie ihn brauchen, speichern Sie ihn ab. Wenn Sie einen ähnlichen brauchen, verwenden Sie denselben Prompt und wählen Sie aus den Varianten. Und wenn Sie genau denselben Stil jedes Mal brauchen, machen Sie den Prompt präziser oder hängen Sie die gute Antwort als Beispiel an: „Orientiere dich an diesem Stil:“ – und die KI wird sich daran halten.
KI denkt nicht wie ein Mensch. Sie erinnert sich nicht an gestern und sie hat keine Vorlieben. Aber sie ist ein Werkzeug, das mit jeder Nutzung besser wird – nicht weil sie dazulernt, sondern weil Sie dazulernen, wie Sie es einsetzen.
Kleine Hausaufgabe für diese Woche
Geben Sie einen Prompt, den Sie regelmäßig verwenden, dreimal hintereinander ein – und vergleichen Sie die Ergebnisse. Was bleibt gleich? Was ändert sich? Und dann versuchen Sie, den Prompt so zu präzisieren, dass die Ergebnisse einander ähnlicher werden. Wenn Sie eine Antwort bekommen, die Ihnen besonders gut gefällt: Speichern Sie den Prompt als Vorlage ab. So beginnen Sie Ihre persönliche Prompt-Bibliothek.
– M.TREIBER (KIUMI – Die Agentur für Zusammenarbeit von KI und Mensch)
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