KI-KOLUMNE: Prompting, ein Jahr später

Vor Kurzem habe ich bei einem großen österreichischen Industrieunternehmen eine Prompting-Schulung gehalten. Zur Vorbereitung bin ich meine Folien durchgegangen und habe dabei mehr gestrichen, als ich erwartet hatte. Vieles davon stimmt noch, man braucht es nur nicht mehr. Wie man mit KI redet, hat sich in den letzten Monaten stärker verändert als in den zwei Jahren davor.

Als ich vor gut zwei Jahren mit Schulungen begonnen habe, ging es vor allem um genaue Anleitungen. Man zerlegte eine Aufgabe in Schritte und gab sie der KI der Reihe nach vor, dazu kam ein wenig Überredungskunst. Wer erinnert sich nicht daran, der KI zu schreiben, die Aufgabe sei „sehr wichtig für meinen Job“, oder sie zu bitten, „Schritt für Schritt zu denken“? Damals hat das tatsächlich geholfen. Heute würde ich es niemandem mehr beibringen.

Vom Praktikanten zur Kollegin

In der ersten Kolumne dieser Reihe, vor ziemlich genau einem Jahr, habe ich KI mit einem sehr fleißigen, aber sehr buchstäblichen Praktikanten verglichen. Wer ihm sagt, was herauskommen soll, für wen, in welchem Ton und mit welchen Fakten, bekommt etwas Brauchbares. Das gilt nach wie vor. Inzwischen gleicht der Praktikant aber eher einer erfahrenen Kollegin aus einem anderen Amt. Ihre Gemeinde kennt sie nicht, doch wie man einen Beitrag für die Gemeindezeitung aufbaut, weiß sie. Wer ihr jeden Absatz vorschreibt, bremst sie bloß.

Die Hersteller schreiben das inzwischen in ihre eigenen Anleitungen. OpenAI empfiehlt für seine neuen Modelle, zuerst die Aufgabe klar zu beschreiben: das gewünschte Ergebnis, die Zielgruppe, den nötigen Zusammenhang, die Grenzen und woran man erkennt, dass die Arbeit fertig ist. Anthropic rät, Anweisungen zu begründen, statt sie nur zu erteilen. Den Weg zum Ziel sucht sich das Modell selbst, und wenn ihm etwas fehlt, fragt es nach.

Im Amt beschreiben Sie also statt der Schritte die Lage. Wozu braucht es den Text, und wer liest ihn? Was steht fest, und was darf die KI selbst entscheiden?

Omakase im Gemeindeamt

Aus Japan kommt ein Wort, das dazu gut passt. In manchen Restaurants bestellt man „Omakase“, was ungefähr „ich überlasse es Ihnen“ heißt. Der Gast sagt, was er mag und was er nicht essen darf, und der Koch stellt das Menü zusammen. Gute Köche machen daraus mehr, als man selbst bestellt hätte. Wie ich dieses Prinzip in meiner eigenen Arbeit mit KI einsetze, habe ich in einem englischsprachigen Beitrag ausführlicher beschrieben.

Im Gemeindeamt sieht das zum Beispiel so aus: Die Gemeindezeitung braucht einen Beitrag über die Ferienbetreuung im Sommer. Vor zwei Jahren hätte ich den Auftrag so geschrieben:

Du bist ein erfahrener Redakteur. Diese Aufgabe ist sehr wichtig für mich. Schreib einen Artikel über unsere Ferienbetreuung. 

Schritt 1: eine Überschrift mit höchstens acht Wörtern. 
Schritt 2: eine Einleitung mit drei Sätzen. 
Schritt 3: drei Absätze zu Terminen, Kosten und Anmeldung. 
Schritt 4: ein freundlicher Schlusssatz. 
Denk Schritt für Schritt.

Heute schreibe ich ihn so:

Für die nächste Gemeindezeitung brauche ich einen Beitrag über die Ferienbetreuung im Sommer. Letztes Jahr haben viele Eltern zu spät davon erfahren, und die Plätze waren nach wenigen Tagen vergeben. Heuer soll niemand die Anmeldung verpassen. Lesen werden den Beitrag vor allem Eltern von Volksschulkindern, und viele überfliegen die Zeitung nur. 

Fest steht: [Wochen, Uhrzeiten, Kosten, Anmeldeschluss, Ansprechstelle]. 

Ob es einen Geschwisterrabatt gibt, ist noch offen, das bitte nicht erwähnen. Aufbau, Länge und Überschrift überlasse ich dir. Wenn dir für einen guten Beitrag etwas fehlt, frag nach, bevor du schreibst.

Der zweite Auftrag ist ungefähr gleich lang. Er sagt der KI aber, wozu der Beitrag da ist, nämlich damit heuer keine Familie den Anmeldeschluss verpasst. Also stellt sie den Termin vermutlich ganz nach oben, vielleicht sogar in die Überschrift. Mit meinen vier Schritten von damals wäre genau das nicht gegangen.

Die Fakten gehören trotzdem weiterhin in den Auftrag, denn was die KI nicht bekommt, erfindet sie. Und anders als beim Omakase müssen Sie nicht alles nehmen, was serviert wird. In die Zeitung kommt nur der Entwurf, den Sie gelesen und überarbeitet haben.

Raus aus dem Chatfenster

Bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern meiner Schulungen sehe ich oft dasselbe Bild. Die Werkzeuge rund um das Chatfenster sind in den letzten Monaten deutlich besser geworden, aber kaum jemand verwendet sie. Manche haben sie vor einem Jahr ausprobiert und wieder vergessen. Die meisten kopieren nach wie vor einen Text aus Word in den Chat und die Antwort wieder zurück, oft mehrmals hintereinander.

In einem Projekt liegen Unterlagen und Anweisungen, die man immer wieder braucht, etwa der Stil der Gemeindezeitung oder die Grundregeln für Antworten an Bürgerinnen und Bürger. Man erklärt sie einmal und nicht in jedem Chat neu. 

Ein Skill ist eine gespeicherte Arbeitsanleitung, zum Beispiel für den Faktencheck eines Textes. Die KI holt sie von selbst hervor, wenn sie zur Aufgabe passt. 

Artefakte sind fertige Ergebnisse, die die KI direkt neben dem Chat baut. Ich habe mir damit schon interaktive Übersichten über lange Dokumente machen lassen, Grafiken zu Abläufen und ganze Präsentationen. Am häufigsten verwende ich Artefakte als kleine Webseite, weil ich sie dann mit einem Link weitergeben kann.

Agenten, die im Namen anderer handeln

KI-Agenten erledigen eine Aufgabe selbstständig in vielen Schritten, und manche Menschen lassen sie schon in ihrem Namen handeln. Vor Kurzem kam bei mir eine Einladung an, an einem Softwareprojekt mitzuarbeiten. Abgeschickt hatte sie nicht der Eigentümer des Projekts, sondern sein KI-Agent. Die nächste Fassung meiner Schulung bereite ich schon vor, mit Agenten und vielleicht auch für Agenten. Kann gut sein, dass wir ihnen bald beibringen müssen, wie man Menschen richtig „promptet“. Wer weiß.

Kleine Hausaufgabe für Sie

Nehmen Sie einen Auftrag an die KI, den Sie öfter verwenden, oder den Auftrag für die Beschwerde-Antwort aus der ersten Kolumne. Schreiben Sie ihn neu, ohne Schrittliste und ohne gutes Zureden. Beantworten Sie stattdessen vier Fragen: Wozu braucht es das Ergebnis? Wer liest es? Was steht fest? Was darf die KI selbst entscheiden? Geben Sie dann beide Fassungen in je einem neuen Chat ein und vergleichen Sie, was herauskommt. Falls die KI zurückfragt, beantworten Sie die Fragen einfach. Die Kollegin aus dem anderen Amt würde auch nachfragen.

Intensiv-Webinar am 5.11. – nur noch wenige freie Plätze

Wer das gemeinsam üben möchte: Im Intensiv-Webinar „Prompting: Der Schlüssel zu guten KI-Ergebnissen“ am 5. November arbeiten wir gemeinsam am neuen Prompting und wie man dieses mit Projekten, Skills, Plugins und Artefakten nutzt.


KI KOMPAKT

Vor zwei JahrenHeute
AuftragSchritt für Schritt vorgebendie Lage beschreiben: wozu, für wen, was feststeht
Umgang mit der KIgutes Zureden („sehr wichtig für meinen Job“)Anweisungen begründen
Entscheidungenstehen vorab im Auftragtrifft die KI unterwegs, Sie prüfen das Ergebnis
Rückfragenseltenausdrücklich erlaubt
ArbeitsweiseText zwischen Chat und Word hin- und herkopierenProjekte, Skills, Artefakte

Omakase kommt aus der japanischen Küche und heißt ungefähr „ich überlasse es Ihnen“. Beim Prompting legen Sie Ziel, Leserschaft, Fakten und Grenzen fest und überlassen den Weg dorthin der KI. Was veröffentlicht wird, entscheiden weiterhin Sie.

Ein guter Auftrag beantwortet heute vier Fragen: Wozu braucht es das Ergebnis, wer liest es, was steht fest und was darf die KI selbst entscheiden? 

In einem Projekt sammeln Sie Unterlagen und Anweisungen, die Sie immer wieder brauchen.
Ein Skill ist eine gespeicherte Arbeitsanleitung, die die KI bei Bedarf selbst hervorholt.
Artefakte baut die KI neben dem Chat, zum Beispiel eine Übersicht, eine Grafik, eine Präsentation oder eine kleine Webseite zum Weitergeben.
Ein KI-Agent arbeitet eine Aufgabe selbstständig in vielen Schritten ab und kann im Auftrag eines Menschen handeln.

Von: M.TREIBER (KIUMI – Die Agentur für Zusammenarbeit von KI und Mensch)

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