Am 1.9.2025 ist das Informationsfreiheitsgesetz (IFG) in Kraft getreten. Es verpflichtet Gemeinden und Städte zu mehr Transparenz, womit jedoch auch das Betrugsrisiko steigen wird. Mehr Transparenz im öffentlichen Bereich ist grundsätzlich wünschenswert für Bürgerinnen und Bürger. Dadurch steigt jedoch auch die Gefahr für Gemeinden und Städte, einem Betrug aufzusitzen. Besonders das Bauwesen, wo es um hohe Summen geht und bei kleinen Gemeinden auch ein gewisses Maß an Routine fehlt, ist ein beliebtes Ziel bei Betrügern. Mit zielgerichteten Maßnahmen kann mittels Betrugsprävention und forensischer Baubegleitung das Betrugsrisiko signifikant reduziert werden. So bleibt nicht nur das Gemeindebudget verschont, sondern es werden auch Reputationsschäden für politische Amtsträger vermieden
Betrugsfall in der Gemeinde Hinterhofen
Die Gemeinde Hinterhofen (Name frei erfunden) errichtet soeben eine neue Volksschule. Sie ist in der glücklichen Lage, dass die Ortschaft wächst und die alte Schule nun aus allen Nähten platzt. Auch wenn die Gemeinde dafür einige Millionen in die Hand nehmen muss und das Budget dadurch strapaziert wird, ist sie über den Baufortschritt der neuen Volksschule überaus erfreut. Bedauerlicherweise kam es zu einer Verzögerung des Baubeginns und das wurde in der Bevölkerung nicht gut aufgefasst, doch dieses Phänomen ist bei Gebäudeerrichtungen regelmäßig zu bemerken. Dann langt auch schon die erste Teilrechnung in Höhe von mehreren Hunderttausend Euro ein. Hinterhofen begleicht die Rechnung pünktlich und in geforderter Höhe, doch kurz darauf langt eine Mahnung einer Baufirma ein. Wie ist das möglich, fragt sich der Bürgermeister und greift zum Telefon. Die Baufirma erklärt, dass die überwiesene Summe nicht bei ihnen eingelangt sei. Die Gemeinde Hinterhofen ist auf einen Betrug hereingefallen und hat nun eine hohe Schadenssumme zu beklagen – neben den ohnehin kostspieligen Baukosten.
Abbildung: © EY – Ernst & Young
IFG kann zu erhöhtem Betrugsrisiko führen
Dieses und ähnliche Szenarien sind in Städten und Gemeinden leider keine Einzelfälle, auch über die österreichischen Landesgrenzen hinaus. Betrüger geben sich zunächst als Gemeindebedienstete aus und wenden sich als solche an die Baufirma. Ein einfacher Blick auf die Website der Gemeinde reicht aus, um im Namen eines Gemeindebediensteten die Baufirma zu kontaktieren und die originale Rechnung anzufordern. Betrugsexperte von EY Andreas Frohner warnt: „Dies geht künftig nun sogar noch leichter, denn mit dem Informationsfreiheitsgesetz, welches am 1.9.2025 in Kraft getreten ist, müssen viele Gemeinden und Städte Informationen proaktiv veröffentlichen. Doch nicht nur das, auch können Betrüger mittels passiven Informationsrechts formlos Informationen mündlich, schriftlich oder telefonisch erfragen. Diese Umstände werden es Betrügern deutlich erleichtern Verträge oder Rechnungen authentisch zu fälschen.“ Als erfahrener Wirtschaftsforensiker hat der EY-Experte unzählige Betrugsfälle gesehen, aufgearbeitet und durch das Implementieren praxistauglicher Maßnahmen solche künftig verhindert. Seiner Erfahrung nach wird daher das Risiko, als Gemeinde oder Stadt durch die neu geschaffenen Transparenzhebel des IFG einem Betrug zu erliegen, steigen. Auch wenn die beschlossenen Transparenzmaßnahmen wünschenswert sind und ein erstrebenswertes Ziel verfolgen, so sind diese jedenfalls in Kombination mit Antibetrugsmaßnahmen zu sehen. Vier-Augen-Prinzipien in Zahlungsprozessen und angepasste Compliance- sowie IKS-Maßnahmen bringen eine adäquate Absicherung vor Betrugsmustern. Angesichts dieser Entwicklungen ist es daher unerlässlich, mit einem Mehr an Transparenz auch ein Mehr an Antibetrugsmaßnahmen zu etablieren. Diese müssen an die Größe der jeweiligen Stadt bzw. Gemeinde angepasst sein, um den Verwaltungsapparat nicht mit zu vielen Auflagen und Prüfschritten zu lähmen.
Die Baubranche als besonders beliebtes Ziel
„Die Baubranche ist eine besonders beliebte Branche für Betrüger, denn hier zahlt sich ein Betrug ob der hohen Summen besonders aus“ weiß Elisabeth Sardy-Rauter von EY aufgrund ihrer langjährigen Erfahrungen in der Baubranche. Auch stehen Bauprojekte, wie jenes aus unserem Beispiel, nur bei den wenigsten Gemeinden und Städten in Österreich an der Tagesordnung. Die fehlende Routine in der Abwicklung des Bauvorhabens samt Schlussrechnungen, Bauabnahmen und Ratenzahlungen stellt ein weiteres Betrugsrisiko dar. „Um Baukosten von Anbeginn im Griff zu behalten sowie Betrugsrisiken zu mindern, stellt das Instrument der forensischen Baubegleitung ein präventives und begleitendes Instrument dar“ erklärt die Expertin. Das Budget der Stadt bleibt geschont, Zeitpläne werden eingehalten und Baukosten nicht überschritten.
Forensische Baubegleitung: Was ist das?
Die forensische Baubegleitung versteht sich als unabhängige, spezialisierte Überwachung von Bauprojekten, die Abläufe, Verträge, Bauausführungen und Abrechnungen systematisch auf Unregelmäßigkeiten kontrolliert. Dabei ist interdisziplinäres Know-how gefragt. Was komplex klingt lässt sich in einzelne Aktivitäten herunterbrechen: Es werden Prozesse und Bauunterlagen analysiert, Baufirmen und Subunternehmer geprüft, Baustellen begangen, Compliance-Maßnahmen gestärkt, Abrechnungen in Stichproben mit ausgeführten Arbeiten verglichen und vieles mehr. Durch diese Maßnahmen können mögliche Unregelmäßigkeiten frühzeitig erkannt und reduziert werden.
Auch der präventive Effekt ist groß: Eine unabhängigen Prüfinstanz wirkt abschreckend auf potenzielle Betrüger. Projektbeteiligte können laufend hinsichtlich neuer Betrugsmuster sensibilisiert werden und Verdachtsfälle können dokumentiert und aufgeklärt werden. Dazu soll die forensische Baubegleitung möglichst früh, idealerweise bereits in der Planungsphase, als fester Projektbestandteil verankert werden.
Es zeigt sich deutlich: Durch die frühzeitige Integration forensischer Baubegleitung und gezielter Antibetrugsmaßnahmen können Städte und Gemeinden den Herausforderungen, die zunehmende Transparenz mit sich bringt, erfolgreich begegnen.

©EY
Bmstr. DDI (FH) Elisabeth Sardy-Rauter
EY – Bauen und Immobilien
Elisabeth.Sardy-Rauter@parthenon.ey.com
+43 664 60003 1517
– C.TAUCHER (Quelle: Forensic & Integrity Services | EY – Österreich)
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