Wahlkämpfe verlagern sich immer mehr dorthin, wo Menschen aller Altersgruppen täglich viel Zeit verbringen: auf Instagram, Facebook, YouTube und TikTok. Ein aktuelles Beispiel ist der Wahlkampf von Péter Magyar und seiner TISZA-Partei in Ungarn.
Klassische Medien waren für ihn kaum nutzbar, da viele von der Regierung rund um Viktor Orbán beeinflusst wurden. Deshalb setzte er voll auf Social Media und konnte enorme Reichweiten erzielen.
Zur Autorin
Julia Ramsmaier (Instagram-Account “julia_letsgo” ) ist Social-Media-Expertin und hat in den letzten sechs Jahren vier Wahlkämpfe für Bürgermeister:innen und Abgeordnete begleitet.
Sie war während des ungarischen Wahlkampfs vor Ort, hat Einblicke in die Kampagne erhalten und die Social-Media-Aktivitäten analysiert.
Was können KommunalpolitikerInnen in Österreich daraus lernen?
- Mit KI-Content rechnen:
Die Social Media-Feeds der UngarInnen wurden mit KI-Videos überhäuft. In einem davon behauptete ein täuschend echter Avatar von Peter Magyar, Geld aus der Ukraine erhalten zu haben. Das Video wurde über 30.000 Mal aufgerufen (Quelle: Lakmusz.hu).
Screenshot: streamable.com
Tipp: Das kann auch kleinen Ortsparteien in Österreich passieren. Was tun? Zuerst eine Bildschirmaufnahme machen, um das Video zu sichern. Dann möglichst viele Personen bitten, es bei der jeweiligen Plattform zu melden – je mehr und je schneller, desto eher wird es gelöscht. Wichtig zu wissen: In Ungarn tauchten solche Videos oft kurz danach wieder auf. Auch der direkte Kontakt zu Facebook oder TikTok half kaum.
Zusätzlich zur KI-Content-Flut arbeitete Orbans FIDESZ mit bezahlten Werbeanzeigen auf Social Media, um die eigene Reichweite deutlich zu vergrößern. Obwohl Facebook und Instagram das seit 6. Oktober 2025 für Wahlwerbung in der EU untersagen. (Quellen: TELEX, LAKMUSZ)
- Früh starten und diszipliniert posten
Magyar begann zwei Jahre vor der Wahl, regelmäßig zu posten. Oft doppelt so viel wie sein Gegner Orbán. Dieses Dauerfeuer hat sich ausgezahlt, trotz deutlich weniger Ressourcen. Im Wahlkampf hat sich die Postingfrequenz zugespitzt: auf Orbans Social Media-Accounts gingen am Tag vor der Wahl 20 Beiträge online. Bei Peter Magyar waren es bis zu 7 verschiedene an einem Tag.
Tipp: Sichtbarkeit auf Social Media entsteht nicht durch einzelne Kampagnen oder in den vier Wochen vor der Wahl, sondern durch kontinuierliche Präsenz. Lieber regelmäßig kurze, spontane Videos als selten perfekte! Schauen Sie immer wieder mal in die Analysedaten Ihrer Social Media-Profile, um zu lernen, welche Inhalte Ihnen helfen, sichtbarer zu sein.
- Einfache Sprechvideos schlagen Hochglanz-Fotos
Magyars Kampagnenberater im Bereich Daten, Mátyás Bódi, hat bestätigt: Die einfachsten Videos der TISZA-KandidatInnen waren die erfolgreichsten: direkt ins Handy gesprochen, aus dem Alltag, nicht in Parteibotschaften, sondern persönliche Einschätzungen, eigene Expertise und kurze, verständliche Erklärungen zu lokalen Themen. TISZA-Kandidatin Dr. Diána Ruzsa hat mit einfachen Sprechvideos auf Facebook enorme Reichweiten erzielt:
Quelle: Facebook/Dr. Ruzsa Diána
Direkt ins Handy gesprochen, aus dem Alltag, mit persönlicher Meinung zu lokalen Themen
Tipp: Stellen Sie sich vor, Sie erklären einem Bekannten kurz Ihr Anliegen für den Ort. Genau so sollten Ihre Videos klingen. Nicht nach ZIB 2-Interview! Das ist Social Media. Die Routine kommt mit der Übung und mit der Routine kommt die Natürlichkeit.
- Gegenseitige Unterstützung führt zum Wahlsieg
Sichtbarkeit entsteht auf Social Media nicht nur durch eigene Inhalte, sondern auch dadurch, dass andere liken, kommentieren und teilen. Ein kleines Netzwerk aus KandidatInnen und UnterstützerInnen, das sich gegenseitig hilft, kann einen großen Unterschied machen. Reichweite entstand auch bei TISZA v.a. am Beginn durch Zusammenarbeit. So eine kleine organisierte Gruppe für Interaktion und Verbreitung ist ein wichtiger Hebel! Gerade bei begrenzten Ressourcen, wie es bei Magyar und TISZA der Fall war, ist ein solches System ein Vorteil.
Tipp: Organisieren Sie sich! Erstellen Sie eine Social Media-Unterstützungsgruppe, tauschen Sie hier Ihre Beiträge aus und definieren Sie von Beginn an, wie oft und in welcher Art und Weise die gegenseitige Unterstützung online stattfindet.
Kampagnenberater Matyas Bodi und Social Media-Expertin Julia Ramsmaier kurz vor dem Wahltag in Budapest
- Sie sind das Medium, nicht Ihre Partei
Menschen folgen Menschen, nicht Parteilogos. In immer mehr Unternehmen gibt es sogenannte “Corporate Influencer”-Programme, weil sie genau das verstanden haben. Wer auf Social Media sichtbar sein will, muss sich selbst zeigen: die eigene Meinung, die eigene Geschichte, die eigene Haltung zu lokalen Themen. TISZA-KandidatInnen waren Ärztinnen, Bankangestellte, Lehrerinnen – keine Kommunikationsprofis. Und trotzdem haben sie mit dem Handy enorme Reichweiten erzielt. Apps wie Edits oder CapCut machen das Schneiden von Videos einfach und kostenlos am Handy möglich. Jede und jeder kann 2026 Social Media-Videos erstellen!
Tipp: Statt Parteibotschaften zu reproduzieren, zeigen Sie Ihre eigene Haltung, Geschichte, Werte. Ordnen Sie Themen ein, nähern Sie sich an die unterschiedlichen Videoformate an, probieren Sie sich aus!
Bekanntes Beispiel einer Partei-Influencerin: Clara von Nathusius, die als CDU-Influencerin gilt.
Screenshot: Instagram/claranths
Screenshot: Spotify/Cicero Podcasts (Cicero – Magazin für politische Kultur)
Fazit
Wahlen werden nicht mehr nur dort gewonnen, wo man spricht, sondern dort, wo man gesehen wird. Wer zu spät startet, zu selten postet oder zu unpersönlich bleibt, wird es schwer haben. Wahlen werden immer öfter auf Social Media gewonnen.
Sind Sie darauf vorbereitet?
Auf ihrem Instagram-Account “julia_letsgo” gibt sie Einblicke und Tipps für PolitikerInnen und deren Social Media-Auftritt.
– C.TAUCHER (Quelle: Julia Ramsmaier)





